Archiv für die ‘Allgemein’ Kategorie

Aug
04
Einsortiert unter (Allgemein) von traduction.allemand am 04.08.2007

Von Beginn an habe ich euch nie etwas darüber erzählt, wie das Veloblog eigentlich funktioniert. Und ich lege euch eine kleine Geschichte nach der anderen vor, die dann von einem Team von jungen engagierten Leuten ins Deutsche und Polnische übersetzt werden, unterstützt durch einen anbetungswürdigen Webmaster. Wir arbeiten nicht nach einem 3×8-Schichtsystem, aber fast. Wenn das Veloblog ruft…

Aber in letzter Zeit wurde eine Pause wirklich nötig: Meine Fähigkeiten, eine Geschichte nach der anderen zu hören und sie dann für euch auf nette Art und Weise nieder zu schreiben, waren erschöpft. Ich brauchte Schlaf und ein bisschen Ruhe. Die Entscheidung war gefallen: In Eisenhüttenstadt, der nächsten Etappe meiner Reise, nehme ich eine Pension und strecke alle Viere von mir.

Allerdings musste ich die Stadt der Stahlindustrie, von der mir schon so viel erzählt worden war, erst einmal erreichen. Erbaut wurde sie in den 60er bis 90er Jahren, um das Modell par excellence einer sozialistischen Stadt in der DDR zu werden. Ein Abenteuer, an das sich Roswytha, die ich flussaufwärts in Groß Bademeusel getroffen hatte, gut erinnert: Viele junge Paare wollten nach Eisenhüttenstadt, weil man dort eine völlig neue Wohnung ebenso wie eine Arbeit, meistens beim EKO Stahl Kombinat, bekam. Was will das Volk mehr?

Es lag nicht an mangelnder Neugier, aber ich habe trotzdem sehr viel Zeit gebraucht, um in Eisenhüttenstadt anzukommen. Und zwar, weil ich mich in den vorstädtischen Schrebergärten entlang der Oder verfahren habe. Sehr nett, mit Blumen, Pflaumen und Äpfeln für denjenigen, der nach dem Weg fragt, ohne den kleinen Stolz der Besitzer zu vergessen: die drei Störche, die auf dem Strommast sitzen und nur darauf warten, fotografiert zu werden.

Ein netter kleiner Umweg und dann erreiche ich endlich den Stadtteil Fürstenberg. Augenscheinlich nicht besonders sozialistisch. Es ist jenes Dorf, welches existierte, bevor Eisenhüttenstadt mit einem Mal aus dem Boden gestampft wurde. Und hier fühlt man sich auch nicht zu Eisenhüttenstadt gehörig, wie man mir zu verstehen gibt, als ich frage, wo denn das Zentrum sei. Und es gibt auch kein richtiges Zentrum in Eisenhüttenstadt. Hier ist die Rede von Häuserblöcken: Von Block 1 bis Block 7. Um es kurz zu machen: Ich erfahre, dass sich das Touristenbüro in der Lindenallee, zwischen Block 1 und Block 4 befindet. Mein Orientierungssinn braucht ein wenig Zeit, um sich daran zu gewöhnen, aber darauf kommt es jetzt auch nicht mehr an…

Und von dort bin ich dann in der Gartenstraße, im Stadtteil Schönfließ, gelandet, dem anderen Dorf, das es bereits vor der Erbauung der sozialistischen Stadt gegeben hat. Dort erwartete mich eines der letzten freien Zimmer in der Stadt, denn viele seien von Monteuren und Ingenieuren belegt, die das Wochenende über in Eisenhüttenstadt blieben. Ich hatte ja keine Ahnung von meinem Glück… Nach so wunderbaren Begegnungen, nach Gastgebern, die alle so verschieden, aber immer so zuvorkommend waren, hatte ich nun das Gefühl, mich bei der Hexe aus der Rue Mouffetard einquartiert zu haben! Gefragt zu werden, ob ich Hausschuhe hätte, ohne sich vorher nach meinem Namen zu erkundigen, über Brille und Zeitung hinweg taxiert zu werden: und das alles für ein bisschen Erholung! Vielleicht bin ich ja durch die vergangenen Tage verwöhnt worden, aber ich trauere den kleinen Geschichten und der netten Gesellschaft fast ein wenig nach – ich, die ich doch absolut Ruhe nötig hatte! Und das Schlimmste ist, dass das hier gut und gerne eine Geschichte wert ist… die Geschehnisse aus der Pension in der Gartenstraße. Ich habe der Besitzerin und Meisterin der Gerissenheit versprochen, dass ich ihre Pension auf unserer Seite in drei Sprachen beschreiben werde. Umsonst? Und schon wird die Stimmung freundlicher und ich mache einen Rundgang durch das Haus. Sechs Schlafzimmer, alle mit Fernseher und Teppichboden. Die Badezimmer mit Fußbodenheizung etc. etc. Es gibt nichts auszusetzen, alles ist sauber. Kinder sind auch willkommen, wenn sie aber ins Bett machen, müsst ihr die Matratze bezahlen. Die Nacht kostet 19 Euro (ziemlich teuer für die Ecke hier) und drei Euro extra fürs Frühstück. „Sie können vier Euro schreiben, bei den Preissteigerungen…“, sagt mir die Besitzerin, einer Ameise gleich…
Ach ich, die ich versprochen hatte, ihre Telefonnummer online zu stellen, mache einen Rückzieher. Ein kleiner Scherz sollte genügen, um die Grabesstille der Unterkunft durcheinander zu bringen! Aber für alle Interessierten: Ihr habt die Adresse, Gartenstraße. Und die Hausnummer ist natürlich die 13…

Aber lasst uns diese „Gartengeschichten“ mit einer kommunikativeren Anmerkung abschließen: Die kleinen Schrebergärten in den Diehloer Bergen, im Westen der Stadt, sind wirklich einen Abstecher wert, auch wenn die Wege für unerfahrene Mountainbikefahrer ziemlich heikel sind. Oben auf dem Berg, von der Rodelbahn aus, hat man einen wirklich genialen Ausblick über die Stadt. Dort kann man endlich auftanken…



Aug
04
Einsortiert unter (Allgemein) von traduction.allemand am 04.08.2007

Das Europäische Begegnungszentrum in Ratzdorf

Tolles Hotel mit Restaurant und Panoramaterrasse, aber niemand an der Rezeption und überhaupt ist kein junger Mensch in Sichtweite. Selbst die Jugendlichen interessieren sich kaum für diesen Ort. Und dennoch mangelt es dem Bürgermeister, Henry Bergel, nicht an Ideen.

Herr Bergel erklärt mir lang und breit seine Vorschläge, in der Hoffnung, dass er mich meinen Notizblock bis auf die letzte Seite voll schreiben sieht.

Nach langer Vorrede über die Symbolkraft des gewählten Ortes - an der Mündung von Oder und Neiße, zwischen Ost und West, in einer Region, die Perspektiven braucht – erinnert er an den schwierigen Aufbau des Zentrum durch EKO Stahl im Jahr 1996, dann über die Spekulationen der Dorfbewohner über das neue Gebäude. „Das war für mich ein wenig schwierig, als ich hier angekommen bin, denn ich sollte das Personal für das Zentrum und das Hotel mit Restaurant einstellen, das eingerichtet wurde, um den Verein zu finanzieren“, erklärt er mir. „Die Kandidaten waren nicht informiert und kamen für Stellen als Monteure und Mechaniker. Und ich, ich suchte doch Köche und Reinigungspersonal.“ Eine gewisse Frustration machte sich breit. Herr Bergel bekennt, dass das Verhältnis zu den Dorfbewohnern besser sein könnte.

Wie auch immer, er hat noch andere Pläne im Hinterkopf. Zum Beispiel den Bau einer Brücke über die Neiße, die den Polen den Zugang zum Europäischen Zentrum erleichtern würde. Nichts weiter als eine kleine Brücke für Fußgänger und Radfahrer…nicht zwangsläufig eine „bridge of peace“ wie es eine Zeit lang zur Debatte stand. Bloß eine Brücke. Um das Zentrum wirklich europäisch zu machen.

Denn momentan ist es doch eher ruhig hier. Die 60 Betten sind nicht belegt. Herr Bergel erklärt mir, dass die Struktur, das heißt fünf Angestellte und fünf Auszubildende, nicht ausreicht, um ganze Ferienlager zu beherbergen. „Das wäre too much!“

Und er fährt mit dem nächsten Projekt zur regionalen Einheit, auf deutscher wie auf polnischer Seite, fort. Hier wie dort gibt es keine Industrie mehr und die Landwirtschaft funktioniert auch nicht. Aber die Landschaft ist einzigartig. Auf diesem Gebiet, dem Tourismus, muss man etwas unternehmen. Und man sollte anmerken, dass die Region, was den Tourismus betrifft, vergleichbar mit dem Bayern der 60er Jahre ist.

Herr Bergel sprudelt nur so vor guten Ideen. Aber die Umsetzung erscheint schwierig. Er spricht gerne über ein jährliches Fest für die Kinder aus beiden Ländern, über das Mündungsfest, das auch den regionalen und partnerschaftlichen Zusammenhalt unter den Nachbardörfern ankurbeln soll. Und als ich anmerke, dass ich das ein wenig mager finde, wie die Lokalitäten genutzt werden, fügt er hinzu, dass diese von Firmen für die Veranstaltung von Seminaren in Anspruch genommen werden. Vor allem Seminare von deutschen Firmen finden dort statt. Und dann natürlich die Fahrradtouristen auf Durchreise.

Zusammengefasst: Das im Jahr 2000 eingeweihte Europäische Zentrum ist noch in der Entwicklung. Vielleicht können ja der Bau einer Brücke sowie der Eintritt Polens in den Schengener Raum, die Europäer dazu veranlassen, sich hier zu treffen.



Aug
03
Einsortiert unter (Allgemein) von traduction.allemand am 03.08.2007

Neuzelle, eine Kleinstadt von etwa 1500 Einwohnern, liegt auf halbem Weg zwischen Ratzdorf und Eisenhüttenstadt, etwas weiter landeinwärts.

Ungewöhnlich ist dort die unmittelbare Nachbarschaft von evangelischer und katholischer Kirche. Ein Muss ist das mehr als 500 Jahre alte Zisterzienserkloster, auf den ersten Blick in atemberaubendem Barockstil erbaut: man weiß nicht, wohin man zuerst schauen soll. Und wenn man dann genauer hinsieht, bemerkt man, dass der ganze Marmor nur Schein ist, dass der Stein manchmal einfach kunstvoll bearbeitetes Holz ist. Mich persönlich hat diese Kunst des Scheins fasziniert. Was den Rest betrifft, muss jeder selbst entscheiden…

Auf jeden Fall ist es dieses Kloster mit seinem großen Kontrast zu den umgebenden Häuser, die überwiegend ziemlich bescheiden sind, das den Touristenstrom sicher stellt. Falls das nicht doch die Klosterbrauerei tut, die letzte ihrer Art in ganz Brandenburg, die seit mehr als 400 Jahren die umliegenden Dörfer mit Bier versorgt.

Hier ist es schwierig, die von den Touristen ausgetretenen Pfade zu verlassen. Ein kleiner Umweg zum Touristenbüro hilft mir auch nicht weiter. An deutsch-polnischen Projekten soll es hier nur das Gymnasium der Stadt geben, das einzige, an dem die Schüler polnisch lernen können. Aber nur, wenn die Eltern es sich leisten können, denn das ist eine Privatschule.

Ende des Tages: Ich begleite Vivien zum Bahnhof und fahre zurück zu den Schulzes. Diese Familie ist so harmonisch, ich ziehe es vor, das für die Nacht angesagte Unwetter in ihrer Gesellschaft zu verbringen, statt weiter zu fahren!

Nebenbei bemerkt, ich kann allen nur empfehlen, mal in der Abenddämmerung Rad zu fahren, das ist die beste Zeit, um alle möglichen Tiere zu sehen. Die letzte dieser Begegnungen waren jungeRehböcke, die ihre Minigeweihe auf dem Radweg am Eingang nach Ratzdorf versuchten. Einer von ihnen kam mich sogar von Nahem begrüßen, aber ich muss zugeben, dass ich mich bei einem Abstand von weniger als zwei Metern nicht getraut habe, den Fotoapparat zu zücken…



Aug
03
Einsortiert unter (Allgemein) von traduction.allemand am 03.08.2007

Herr Budras hatte mir ja erklärt, dass der deutsche Staat die Anwohner früher schon gebeten hatte, nicht mehr so nah an den Oderufern zu wohnen, die heute zur polnischen Seite gehören: Überschwemmungen waren zu häufig und die nötigen Finanzhilfen zu teuer. Ergebnis: Die Dörfer Krzesin, Bytomiec und Miłow wurden ein wenig weiter ins Hinterland versetzt. Dennoch gab es eine Fähre, die einen über die Oder nach Ratzdorf bringen konnte.

Der Großvater der Familie Schulze zeigt es mir auf der Karte: eine Fähre über die Oder und eine weitere über die Neiße, die ihrerseits Ratzdorf mit der Gemeinde Kosarzyn verband, genau auf der anderen Seite der Neiße. Der Großvater kennt die Gegend gut. Er selbst wurde einige Kilometer von Kosarzyn entfernt geboren, in Łomy. “Auf der anderen Seite gibt es einen hübschen See mit Campingplatz. Der ist in keinem besonders guten Zustand, aber man kann dort Eis und Würstchen bis zum Abwinken essen.”

Die Schulzes fahren von Zeit zu Zeit auf die andere Seite, manchmal auch ohne den Umweg über die Grenzübergänge von Guben-Gubin im Süden oder Frankfurt/Oder-Słubice im Norden. Dann nehmen sie das Frachtschiff zum ökumenischen Gottesdienst, der am Fuße des “Kreuzes der Begegnung” stattfindet.

Besagtes Kreuz wurde im September 2003 am Neißeufer auf polnischer Seite aufgestellt, nicht weit von der Mündung. Die Deutschen stifteten das Kreuz und die Polen den Sockel. Der Platz soll ausgewählt worden sein, weil die polnischen Behörden weniger Umstände machten als die deutschen - soll heißen, es waren weniger Formulare auszufüllen. Das hat mir zumindest, neben anderen, die Großmutter der Familie Schulze erzählt.

Die Zusammenarbeit zwischen der evangelischen Kirche auf deutscher und der katholischen Kirche auf polnischer Seite ist ein erster Schritt. Aber es wird bereits weiter gedacht, und man ist sich einig über den Bau einer Fußgänger- und Radfahrerbrücke über die Neiße.



Aug
02
Einsortiert unter (Allgemein) von traduction.allemand am 02.08.2007

Es ist schon zehn Jahre her, aber Herr Budras erinnert sich noch genau an das Hochwasser von 1997. Er wohnt an der Mündung von der Neiße in die Oder und hatte 1996 sein Haus ausgebaut, um es der Größe seiner Familie anzupassen.

„Die Oder hat immer mal Hoch- und Tiefstände“, erzählt er mir. „1930, 1947 und die Neiße 1958. Aber nichts davon war vergleichbar mit dem Hochwasser von 1997.“ Er erklärt mir, dass sich normalerweise der Stand der beiden Flussläufe zu unterschiedlichen Zeiten hebt. Die Neiße ist immer ein bisschen schneller als die etwas größere und gewundenere Oder, und meist reguliert sich der Stand von ganz alleine. Aber 1997 kam alles ganz anders.

Die Jahrhundertflut, so wird sie in der kleinen Broschüre von Katrin, die sie mir am Tag zuvor gab, genannt. Die beiden Tiefdruckgebiete „Xolska“ und „Zoe“ trafen sich nicht weit des Quellgebiets der Oder und regneten dort 50 bis 70 Liter Wasser pro Quadratmeter ab. Selbst eine intakte Natur hätte die Katastrophe wohl nicht verhindern können. „In der Tschechischen Republik, in den Bergen des Riesengebirges, fielen viele Wälder dem sauren Regen, der von den Chemiefabriken verursacht wird, zum Opfer. Aber ich glaube nicht, dass es die Bäume geschafft hätten, das ganze Wasser von 1997 aufzunehmen.

Mitte Juli zeigt das kleine Häuschen mitten im Wasser, das den Wasserstand anzeigt, einen ständig steigenden Pegel. 6,09 Meter an einer Stelle, wo 2,50 Meter normal sind: Am 17. Juli fangen die Dorfbewohner an, sich ernsthafte Sorgen zu machen. Der Wasserstand scheint nicht sinken zu wollen. Das Haus von Familie Budras steht bereits im Wasser.

„Es gab keinen Deich in Ratzdorf, da hier bis Ende der 50er Jahre die Schiffe anlegten und in der Schiffswerft des Dorfes repariert wurden.“ Nebenbei bekomme ich die 750jährige Geschichte von Ratzdorf erzählt. „Die Gemeinde war abhängig vom Kloster Neuzelle, das sich etwa zehn Kilometer von hier befindet. Die Bewohner waren Schiffer und Bauern. Die Fischerei spielte eine große Rolle, genau wie um 1800 der Transport von Rohstoffen zur Tuchherstellung nach Cottbus und Guben. Bis 1945.“ Anschließend, wie mir Katrin am Tag zuvor erklärte, wuchs die Gemeinde, da nicht wenige Deutsche „von drüben“ aufgenommen wurden, die auf Anweisung der Russen ihre Häuser verlassen mussten. So wie Herr Budras. Nach dem Krieg arbeiteten noch gut zwanzig Leute in der Schiffswerft, dort wo heute Hotels die Touristen empfangen. „Und hier war das Haus, wo das Schiffspersonal die Nacht verbrachte“, erklärt mir Herr Budras. „Es ist das dritte Haus, das an dieser Stelle gebaut wurde. Das erste brannte ab und das zweite wurde 1948 neu gebaut, immer noch, um das Schiffspersonal während der Reparaturen zu beherbergen. Es wurde dann 1996 durch dieses hier ersetzt. Wir haben das Haus neu gebaut, damit die ganze Familie Platz hat.“ Das Grundstück gehört den Budras seit 1961. Nach dem Ende der Schiffswerft wurden die Nachbargrundstücke für eine Agrargenossenschaft genutzt, die sich auf Fischerei und Rinderzucht spezialisierte. Heute befinden sich dort Hotels. „Wir haben einen Deich aus Sandsäcken gebaut, um das Dorf zu schützen. Aber es war schon zu spät“, erinnert sich Herr Budras. Zwischen dem 25. Juli und dem 5. August wurde das ganze Dorf evakuiert. „Viele haben ihren Beruf vernachlässigt, um der Bundeswehr zu helfen“, erinnert er sich. Die Frage, ob es eine gute Zusammenarbeit zwischen der deutschen und der polnischen Seite gab, stimmt Herrn Budras ein wenig nachdenklich: „Zu dieser Zeit waren die Beziehungen noch nicht sehr weit, wie soll ich sagen, die Kommunikation funktionierte nicht immer so selbstverständlich. Außerdem hatte jeder auf seiner Seite genug zu tun.“ Das Fernsehen übertrug die Bilder und man erfuhr, dass der Deich auf der polnischen Seite an 32 Stellen gebrochen war. Wie es jetzt ist, weiß Herr Budras nicht wirklich. Aber er hofft, dass die Abstimmung jetzt besser läuft, denn auch die Deichverlängerung in Ratzdorf von 2000 wird sicherlich nicht ausreichen, um eine neue Katastrophe zu verhindern. Und wie Frau Schneider vom Verein Pro Guben sagen würde, die Ursachen des Problems sind noch nicht gelöst!



Aug
02
Einsortiert unter (Allgemein) von Charlotte am 02.08.2007

Hiermit öffnet sich nochmal das Veloblog. Vivien, die mich zwei Tage lang begleitete, schreibt ihre Eindrücke.
Blicke hinter die Kulisse des Veloblogs!

Eine sonnige Terrasse im Garten der zehnköpfigen Familie Schulze. Eva Schulze hat ein leckeres Mittagessen gekocht und wartet nun mit ihrem Mann auf Charlotte, die etwas nervös durch den gepflegten Garten der Familie Schulze läuft, auf der Suche nach Empfang. Die junge Französin stand am Abend zuvor ganz plötzlich an der Gartentür und erzählte von ihrem Projekt. Dass sie durch die Oder-Neiße-Region fährt und nach interessanten Leuten und Geschichten sucht. Die Familie Schulze ist auf jeden Fall interessant. Und Ratzdorf auch. Charlotte sammelt und sammelt. Zwischendurch sucht sie nach einer Bleibe für die Nacht und nach deutsch-polnischen Projekten. Am Mittwochabend war sie so begeistert von der Landschaft, von dem idealen Licht, wie die Sonne langsam am Horizont untergeht, dass sie erst spät nach einer Bleibe suchen konnte. Schritt für Schritt stellt sie den Leuten ihr Projekt vor. Sie fragt nach Ortskundigen, nach einem Zeltplatz im Garten und mit etwas Glück landet sie auf einer so malerischen Terrasse wie bei den Schulzes. Jetzt hat Charlotte aber ein bisschen Stress. Schnell will sie noch die Texte vom Vormittag ins Internet stellen. Das ist gar nicht so einfach, denn die Internetverbindung auf dem Land ist nicht immer so super wie in der Stadt. Und außerdem warten noch ihre Gastgeber mit dem Essen…

Mit einer unglaublichen Portion guter Laune und ein bisschen französischem Charme schafft es Charlotte aber sofort wieder, die Leute in ihren Bann zu ziehen. Sie hört immer zu, stellt Fragen und lacht. Kein gestelltes Lachen, nein, es macht ihr wirklich Spaß, den Leuten zuzuhören. Und wenn man sie mit ihrem Fahrrad durch die Bilderbuchlandschaft der Oder-Neiße-Grenze fahren sieht, mag man kaum glauben, wie viel Koordination und Kraft hinter diesem Projekt steht. Mit viel Mut, Optimismus und Vertrauen in die Menschen vor Ort erkundet sie die Region und lässt Tausende daran teilhaben, indem sie ihre Erlebnisse aufschreibt und in drei Sprachen online stellt.



Aug
01
Einsortiert unter (Allgemein) von traduction.allemand am 01.08.2007

Ratzdorf ist ein Ort mit ungefähr 300 Einwohnern. Hier machen wir, Vivien und ich, Halt. Nachdem wir an einigen Türen geklingelt haben, werden wir bei der Familie Schulze empfangen. Man hat uns gesagt, Katrin Schulze kenne die Geschichte des Dorfes sehr gut. Und es stimmt, die ganze Familie kann uns Geschichten des Dorfes erzählen. Vier Generationen unter einem Dach und ein beispielhafter Zusammenhalt: beeindruckend und verführerisch.

Wir verbringen den Abend mit der Dorfjugend, die Katrin für uns zusammengetrommelt hat. Wir sprechen über die Angelei, die nützliche Fahrerlaubnis, um das Dorf zu verlassen, über die Entscheidung zwischen Wehr- und Zivildienst nach dem Abitur, über Schulen, die zumeist nur Russisch als Fremdsprache anbieten und nicht Polnisch, und wieder über das Angeln. Wenn Polen im Schengener Abkommen sein wird, können die Jugendlichen mit ihrem Boot an der anderen Seite des Flusses anlegen. Zum Angeln bedarf es jedoch eines Angelscheins, sowohl auf der deutschen als auch auf der polnischen Seite. Es gibt noch keine gemeinsame deutsch-polnische Anglervereinigung, aber vielleicht werden das die Jugendlichen in Angriff nehmen?!



Aug
01
Einsortiert unter (Allgemein) von traduction.allemand am 01.08.2007

Die Sonne wirft ihre Strahlen übers Land, langsam verschwindet sie am Horizont und der Wind flaut ab: Der Beginn eines idealen Abends, um die Einmündung der Neiße in die größere Oder zu entdecken. Eine unvergessliche Landschaft.

Hier und da einige Angler. Über den Fluss hinweg kann man ein Gespräch miteinander anfangen. Wie läuft’s? Ja gut, wenn ich es schaffe Sie zu fangen… Kleiner Scherz. Und trotzdem muss ich einen Augenblick über diesen seltsamen Moment nachdenken… „Sagen Sie, mein Herr, sind Sie in Polen?“ Und tatsächlich, die andere Seite ist Polen. Nur einige Schwimmzüge entfernt. Eine alberne Grenze.

Aber eine echte. Wenn Sie nach Ratzdorf kommen, wird man Ihnen die Geschichte von dem deutschen Touristen erzählen, der nach einem Bad in der Neiße am gegenüberliegendem Ufer, in Polen, pausieren wollte. Ein Fuß auf die polnische Seite und schwupp, wurde der Mann von der Polizei, die plötzlich aus dem Gebüsch kam, abgeführt! Zwei Tage Gefängnis und noch eine Geldstrafe. Das sind bleibende Erinnerungen an den Urlaub … und an eine nicht mehr ernst zu nehmende Grenze?



Jul
31
Einsortiert unter (Allgemein) von traduction.allemand am 31.07.2007

Mit 75 Jahren hat Irmgard Schneider weißes Haar, aber das ist auch schon alles! Voller Tatendrang und Energie erklärt mir diese kleine Dame die Aktivitäten ihres Vereins „Pro Guben“ in vollem Umfang. Eine wahre Sammlung guter Ideen und Pläne!

Es begann alles 1994 bei einem Treffen mit einem Engländer, der hierher kam, um gegen den Abriss Hornos durch die Kohlemine bei Jänschwalde zu demonstrieren (wir haben davon gehört!). Auf einmal stellte sich auch Frau Schneider wieder die Frage, ob die Wüsten, die sich von Cottbus bis zur Grenze ziehen, denn wirklich nötig seien: „Nun, nachdem die Wiedervereinigung statt gefunden hat, können wir uns doch auf andere Energiequellen als die Kohle konzentrieren.“ Für die Präsidentin des Vereins Pro Guben e.V. handelt es sich sogar um eine Pflicht der Region: „ Es gibt nicht mehr so viel Industrie wie zuvor, die Gegend muss ihre Infrastruktur erneuern. Und wofür braucht man die Bewohner? Zum Essen, zum Trinken und zum Nutzen der elektrischen Energie.“

Seitdem gibt es den Verein. Seitdem wurden viele verschiedene Aktivitäten von Frau Schneider in Angriff genommen. Ein einfaches Beispiel: das mit den Äpfeln von Guben. Warum sollten sie auf dem Komposthaufen verrotten, wenn doch die Leute ihre Einkaufswagen in den Supermärkten wieder mit Apfelsaft vollpacken? Verschwendung. Es wurde ein ganzes System ins Leben gerufen, indem man alle Bauern, Gärtner und anderen Besitzer von Apfelbäumen aufrief, ihre Äpfel zu einer Sammelstelle zu bringen. Von dort aus wurden die Früchte zum Entsaften gefahren und jeder konnte für wenig Geld den daraus gewonnenen Apfelsaft kaufen. Durch den gemeinsamen Transport wird auch der CO2-Ausstoß reduziert. Aber für Frau Schneider ist das noch nicht alles. Warum kann man daraus nicht noch mehr Nutzen ziehen, indem man sämtliche Sorten der Region auflistet und die Vielfalt der Sorten von damals und heute vergleicht?

2003 wurde ein Verzeichnis erstellt. Mehr als 400 verschiedene Sorten werden darin derzeit aufgeführt, darunter die berühmte Warraschker aus Guben. In dieser Gelegenheit sah man Anlass genug, die Pomologische Gesellschaft, die bereits vor 200 Jahren existierte, wieder ins Leben zu rufen. „Und für das Apfelfest und das Stadtfest haben wir traditionelle Kostüme vorbereitet. Das ist der Teil unserer Aktivitäten, der uns erlaubt, ein wenig die Lasten des Alltags zu vergessen.“
Über die Herstellung der Kostüme kamen wir auf die Zusammenarbeit des Vereins Pro Guben e.V. mit Gubin zu sprechen. „Wir kennen vierzig Frauen aus Gubin, sie begleiten uns regelmäßig auf unseren Ausflügen und singen fabelhafte polnische Lieder, die Leute haben ihre Meinung geändert!“ Dabei zeigt sie mir die Bilder von einem Ausflug nach Berlin ins Britz-Viertel. Alle Frauen haben sich die Kostüme der verschiedenen Epochen angezogen: aus der Zeit der Apfelblüte von 1787, von 1846, als die erste Bahnverbindung zwischen Guben und Berlin fertig gestellt wurde, von 1850 die Hutmacherei und so weiter. „Wir waren richtige Stars, jeder hat uns fotografiert!“, sagt Frau Schneider lachend.

Die Zusammenarbeit zwischen Deutschland und Polen, zwischen den Bewohnern Gubens und Gubins liegt ihr am Herzen. „Als uns die Polen sagten, sie wüssten gerne mehr über die Geschichte ihrer Stadt, haben wir die Übersetzungen für ihr kleines Museum organisiert“ , erzählt mir Frau Schneider weiter, indem sie mir eine Tafel über das Leben von Hugo Jentsch zeigt, einer lokalen Persönlichkeit, die das Museum, das heute auf der anderen Seite liegt, eröffnet hat.
Dass die Arbeit mit den Polen und den erneuerbaren Energien, die beiden Steckenpferde von Frau Schneider sind, das versteht man schnell. Fasziniert höre ich der Siebzigjährigen zu, wie sie von neuer Technik in der Landwirtschaft und der Gewinnung von Elektrizität, im Zusammenhang mit dem Naturschutz, spricht. „Wir legen zum Beispiel einen Schwerpunkt auf die Verbrennung von Biomasse aus Preschen“, sagt mir Frau Schneider. „Und wir erklären den Bauern, dass sie weder Arbeit noch Geld verlieren, wenn sie Pflanzen zum Verbrennen aussäen.“ Aber die Resonanz in der Gegend bleibt noch immer schwach. Viele haben Angst, dass sie ihre Arbeit verlieren, wenn die Kohlemine aufhört zu graben.

Aber Frau Schneider fehlt es nicht an Energie: Immer mittwochs von 9 bis 12 kann jeder nach Guben in die Gasstraße 8 kommen und seine Fragen, Ideen und Anregungen vorbringen. Warum auch nicht der ultradynamischen Frau, die sich bei der Bundesliga für Solarenergie angemeldet hat und jetzt beim Europagarten für Kultur aus der Region 2013 mitmachen möchte, eine Hand reichen? 10 Jahre nach der Überschwemmung hat Frau Schneider keine Zeit, mir mehr davon zu erzählen, aber sie wird höchstwahrscheinlich am 11. August in Frankfurt/Oder – Słubice unter uns sein und uns „ihre kleinen Geschichten“, wie sie sagt, erzählen. Vielleicht haben Sie auf Ihrer Reise die Möglichkeit, dieses Energiebündel zu treffen?



Jul
30
Einsortiert unter (Allgemein) von traduction.allemand am 30.07.2007

Auf die Empfehlung von Frau Geilich, der Verantwortlichen im Gubener Touristenbüro, erlaubte ich mir, bei Andreas Peter zu klingeln.

Und siehe da, welch’ eine Überraschung: Als ich ihm die Geschichte vom Veloblog und dem Treffen mit den Bewohnern, um die Region kennen zu lernen, erzähle, schien er nicht mehr nach einem Wie und Warum fragen zu wollen und öffnete seine Tür. Er muss zwar noch einige Bücher, die er bei Ebay verkaufen will und die noch aus Zeiten der DDR stammen, sortieren. Aber nachdem er mir einen Kaffee angeboten hat, führt er mich durch die Straßen Gubins.

Gubin ist der polnische Teil der Doppelstadt. Dort befand sich früher das Stadtzentrum. Vor dem Krieg und der Grenze. Das alles ist eine lange Geschichte, die mir Andreas ausführlichst erzählt.

Alles beginnt ganz unvermeidlich bei der Stadt- und Hauptkirche. Sie prägt das Stadtbild und liegt direkt hinter dem Grenzübergang für Fußgänger. Eine polnische Stiftung und ein deutscher Unterstützerverein arbeiten zusammen, um das Bauwerk zu restaurieren. „Es ist nicht immer einfach, die Deutschen für die Kirche zu interessieren”, erklärt mir Andreas. „Viele denken, dass sie auf der anderen Seite liegt und sich deshalb die Polen darum kümmern müssen.“ Aber das ist kein Grund aufzugeben: vor kurzem hat mein Gastgeber ein Buch über das Bauwerk geschrieben. Auf deutsch. Die polnische Version ist in Arbeit. “Als die Russen kamen, haben die Deutschen kompromittierende Papiere in der Kirche verbrannt. Das war im April 1945. Das Dach ist dabei verschwunden und die Fenster sind geschmolzen.” Heute gewinnt der Dom ganz langsam wieder an Form (1, 2). Aber die Kosten sind hoch.

Andreas zeigt mir die Reste der Stadtbefestigungen: ein großer Turm aus dem 15. Jahrhundert, aber auch ein Tor und ein Stück Mauer. Letztere wurden vor etwa 150 Jahren neu gebaut. Aber dadurch, dass die Nachbarhäuser verschwunden sind, bekommen sie den Anschein eines gewissen Alters. Denn selbst wenn man die Spuren früherer Zeiten noch erkennen kann, wie zum Beispiel an den breiten Straßen, die dort verlaufen, wo einst der Stadtgraben war, so ist die Stadt selbst doch zu 80% verschwunden, zerstört im Zweiten Weltkrieg.

Die darauf folgenden Teilung war abrupt. „Es war der 20. Juni 1945, noch vor dem Potsdamer Vertrag“, erzählt mir Andreas. „Die Soldaten haben den Deutschen gesagt, sie sollten ihre sieben Sachen packen und auf die andere Seite der Neiße verschwinden. Manchmal haben sie ihnen auch die wertvolleren Dinge aus den Händen gerissen.” Und dann zeigt er mir die Reste der Holzbrücke, die einst die Neißeüberquerung ermöglichte.

Man findet Geschichte an jeder Straßenecke. Hier die Reste eines Ehrendenkmals Kaiser Wilhelms I. Dort ein Denkmal, das an den Standort der Synagoge erinnert, die 1938 verschwunden ist, hervorgegangen aus einer Kooperation der deutschen und polnischen Gemeinden und der Initiative von Andreas (1998). Und überall verstreut die Spuren von Industrieanlagen, die lange Zeit die Stadt beherrschten, besonders Hutmachereien und Tuchfabriken. Andreas erzählt mir die Geschichte Friedrich Wilkes, der mit seiner Erfindung, wie ein Hut bei Regen nicht in sich zusammensinkt, sehr erfolgreich war - und macht einen flachen Hut nach. Das Werk von Friedrich Wilke, um 1860 erbaut, war zu DDR-Zeiten noch in Betrieb, hat jedoch wie so vieles die Wiedervereinigung nicht überstanden. „Es gibt ca. 20% Arbeitslosigkeit in der Gegend, da sind aber die Menschen, die auf der Suche nach Arbeit die Region verlassen haben, noch nicht mit gezählt“, sagt Andreas.

Nach dem Zweiten Weltkrieg arbeitete ein Großteil der Bevölkerung in der Kunstfaserfabrik. Um die 7200 Leute arbeiteten dort 1989, lerne ich in der 85. Frage des kleinen Stadtquiz von Andreas. Ein Abkommen zwischen Guben und Gubin machte es möglich, dass die polnischen Bürger mit dem Bus zum Arbeiten herüber kommen konnten. Das war eine Geste von Wilhelm Pieck, dem ersten Präsidenten der DDR, an die Bewohner von Gubin, wo man noch heute die komplett grüne Fassade seines Hauses, nicht weit von einer verlassenen Polizeistation, bewundern kann.

Mein Stadtführer ist unschlagbar. Andreas ist ein leidenschaftlicher Stadthistoriker und Kenner der Region. Er schreibt Bücher, veröffentlicht Karten von der Umgebung und stellt sogar Kalender mit alten Stadtansichten her. Der ausgebildete Historiker hat sogar seinen eigenen Verlag gegründet, den Niederlausitzer Verlag.

Das erzählt er mir beim Abendbrot, bei einem Glas Wein. Wir sitzen am Ufer der Neiße, mit Gartenmöbeln und Picknickkorb von Andreas. Der Zauber der Einfachheit und ein großartiges Panorama. Auf der anderen Seite versuchen junge Polen zu angeln. Links die Schützeninsel. Sie liegt auf der polnischen Seite, eine neue Brücke soll sie bald mit der deutschen Seite verbinden.

Ein kleiner Schritt, um Guben-Gubin als eine Einheit zu zeigen?



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