Archiv für die ‘Allgemein’ Kategorie

Aug
15
Einsortiert unter (Allgemein) von traduction.allemand am 15.08.2007

Beim Frühstück erzählte mir Frau Raasch mitten in einer Diskussion um das Schulsystem, das heute so viel weniger anziehend sei als das der DDR - für die Kinder wie auch für die Muttis - von einem grenzüberschreitenden Projekt. “Die machen viele Dinge mit Polen und entwickeln auch Jugendprojekte.”

Auf diese Weise übrigens stellt sich “Bez Granic – ohne Grenzen” vor: ein Projekt, das es sich zum Ziel gemacht hat, die Zusammenarbeit zwischen deutschen und polnischen Gemeinden in der Oder-Grenzregion zu entwickeln, die kulturelle Identität und den wirtschaftlichen Zusammenhalt zu stärken, indem man insbesondere auf touristisches Marketing setzt. Das war 2004. Seither hat die Initiative den Namen “Eurodistrict Oderland-Nadodrze” (EDON) und hat im Rahmen des EU-Programms INTERact unter dem Namen “Border Crossing” Unterstützung aus Brüssel erhalten. Herr Pfeil, Koordinator von Border Crossing, erklärt mir, dass die Initiative sich bemüht, ein europäischer Zusammenschluß der territorialen Zusammenarbeit zu werden. Aber das spielt keine Rolle, hier sprechen nach wie vor alle von “Bez Granic”; die Leitlinien bleiben ohnehin die gleichen: 25 deutsche und polnische Kommunen, die sich über ein Gebiet von 4300 km² erstrecken, kooperieren miteinander, um gegen die hohe Arbeitslosigkeit, die unzureichende Infrastruktur und den Bevölkerungsrückgang in der Region zu kämpfen - und um das touristische und wirtschaftliche Potential dieser zwischen Berlin, Stettin und Posen gelegenen Region zu entwickeln. “Inzwischen wird unser Symbol wiedererkannt”, sagt mir Herr Pfeil, während er mir die Odernixe, auf polnisch Syrenka, zeigt. Diese ist mir nicht unbekannt: sie markiert die Radwanderwege entlang der Oder…

Im Nachbarbüro berichtet mir Herr Skor, der Vereinsvorsitzende, noch ein bisschen mehr: “Unsere Struktur ist vielseitig. Wir haben den Status eines Vereins, einer interkommunalen Kooperation und eines Wirtschaftsunternehmens. Damit können wir überall gleichermaßen präsent sein und hoffen so unser Ziel zu erreichen, nämlich dass im Jahr 2013 keine externen Zuschüsse für die Region mehr nötig sein werden.” Ihm zufolge spricht die Oderregion die Menschen an, erst recht nach dem Hochwasser von 1997. “Wir haben uns entschlossen, den Tourismus zu einem Schwerpunkt unserer Zusammenarbeit mit den Polen zu machen. Hier in der Region herrscht Aufbruchstimmung in der Branche und es ist leicht, wirtschaftliche Brücken von beiden Seiten der Oder zu schlagen.” Der erste Schritt auf einem langen Weg für Herrn Skor, der mir schildert, dass diese interkulturelle Arbeit auch nicht immer leicht sei, da sich jeder entsprechend seiner unterschiedlichen kulturellen Herkunft verhalte.

Nichtsdestotrotz reihen sich die Initiativen aneinander, um die Oderregion bekannt zu machen, sie zu beleben und Arbeit zu schaffen - mit der Aussicht, die bestehenden Projekte enger miteinander zu verknüpfen. Noch einmal stellt man mir das Rezeptbuch “Oder Culinarium” (ISBN 978-3-930745-02-9 ; Editions Edisohn 2007) vor. Ich hatte es bereits im Frauencafé in Groß Neuendorf einmal durchgeblättert, wo Frau Rindfleisch mir erklärt hat, dass es sich um Rezepte handelt, die auf regionalen Zutaten beruhen. Guten Appetit?!



Aug
14
Einsortiert unter (Allgemein) von traduction.allemand am 14.08.2007

Nachdem ich der Kellnerin im Café von Groß Neuendorf, Frau Raasch, vom Veloblog erzähle, schlägt sie mir vor, die Nacht bei ihr zu verbringen. Verabredet wurde sich ganz einfach in Neulewin, ungefähr 15 km nördlich von Groß Neuendorf. Ich nehme mir noch die Zeit, ein bisschen in der 400-Seelen-Gemeinde umher zu fahren und folge den Pfeilen zum jüdischen Friedhof und schließlich zur Synagoge. Groß Neuendorf spielt die Tourismus-Karte und macht seine Trümpfe gut zugänglich. Am alten Hafen erklärt mir ein Bewohner mit weißen Haaren die Geschichte der Getreidespeicher, aus denen heute Hotels geworden sind: früher fuhren Lastkähne die Oder hinunter und wechselten im Hafen die Fracht. Getreide, Zuckerrüben, Gemüse usw. Ein Teil der Waren wurde anschließend von 1911 bis 1971 mit Hilfe eines kleinen Zugs in die ehemaligen Sümpfe des Oderbruchs transportiert. Dann gewann der Straßenverkehr die Oberhand und der kleine Zug blieb nichts als Erinnerung.

In Neulewin hielt der kleine Zug ebenfalls. Während ich darauf warte, dass meine Gastgeberin von der Arbeit zurückkommt, erkunde ich das Dorf. Es hat auf ganzer Länge eine interessante Struktur: eine breite Straße und mittendrin kleine Gärten mit Kulturpflanzen. Es gibt mehrere Häuser mit Holzgewölben und Lehm, anscheinend die früher typische Bauweise der Region.
Die Verabredung mit einem Journalisten der Märkischen Oderzeitung schmückt den Abend. Und als die Sonne weiter sinkt, begebe ich mich zu Frau Raasch.

Diese ist noch gar nicht von der Arbeit zurück, und so muß ich erstmal ihrem Mann und einem ihrer Freunde erklären, wieso und weshalb ich überhaupt hier bin. Obwohl sie erst etwas von meinem Besuch überrascht sind, laden sie mich zu sich in die Garage ein, um die Stille des Ortes bei einem Bierchen zu genießen. Die Unterhaltung plätschert so vor sich hin.

Es geht um das Oderbruch, dieses frühere Sumpfgebiet das vor über 200 Jahren auf Befehl des “Alten Fritz” oder Friedrich II., dem damaligen Grundherrn, trocken gelegt wurde. “Der alte Fritz hatte beschlossen, die Oder einige Kilometer weiter östlich umzubetten”, erklärt mir Herr Raasch.”Es wird gesagt, es sei das einzige Mal gewesen, dass er Land gewonnen hätte, ohne dass jemand sterben musste.” Jetzt verstehe ich, warum die heutigen Oderufer so flach sind, warum die Bodenqualität so gut ist und ich verstehe auch den Namen “alte Oder”, die durch Neulewin fließt.

Vom Dorf sprechen wir auch. “Hier hast du die Natur und die Ruhe, eine herrliche Gegend, aber dafür musst du weit fahren, um zu arbeiten, oder aber hierbleiben, und in der Gegend sind viele unterbezahlt.” Einer von ihnen arbeitet in dem Gebäude auf der Baustelle der neuen U-Bahnlinie, die in Berlin unterm Brandenburger Tor entlangführt, der andere ist Tischler im Nachbardorf. Landwirtschaft und Gemüseanbau, die der Region früher den Spitznamen eines “Garten Berlins” einbrachten, das alles ist Vergangenheit. Die Produktionsgenossenschaften made in DDR haben sich zwar in private Unternehmen gewandelt, aber die guten Jahre sind vorbei. “Es gibt auch viele Künstler, die sich hier ansiedeln, besonders aus Berlin. Sie richten die alten Häuser wieder her und holen sich hier Inspiration.” Man merkt, wie sich die Region allmählich den durchkommenden Touristen öffnet. Hier ein Atelier, dort ein Café…



Aug
14
Einsortiert unter (Allgemein) von traduction.allemand am 14.08.2007

Juliane, die während der nächsten Woche die Übersetzung des Veloblogs vom Französischen ins Deutsche übernimmt, hat mir davon berichtet: das Frauencafé in Groß Neuendorf, geführt von Frau Rindfleisch, darf man nicht verpassen. Glück gehabt, denn die Vorsitzende des Vereins ist gerade dabei, ihren Briefkasten zu leeren, als ich von meinem Rad steige… So erfahre ich bei einem Kaffee und einem herrlichen Stück Kuchen, wie das Abenteuer angefangen hat.

Nach der Wiedervereinigung erwies sich die Landwirtschaft als zu unrentabel und die Frauen waren damals die ersten, die ihre Arbeit verloren. Insebsondere die “jenseits der 40″, erklärt mir Frau Rindfleisch, die selbst in einer Zuckerrüben-Fabrik des Dorfs gearbeitet hat. “In diesem Alter ist es schwierig, seine Heimat zu verlassen und wieder bei null anzufangen. Wir haben also überlegt, was wir an Ort und Stelle machen können und uns entschlossen, auf Tourismus zu setzen.” 1994 wird Frau Rindfleisch zur Bürgermeisterin von Groß Neuendorf gewählt. Ein Grund, die Entwicklung der Gemeinde noch ernster zu nehmen. Noch im selben Jahr kauft die Stadtverwaltung das Dorf-Restaurant zurück, das bereits seit mehreren Jahren leer steht. Die Renovierungsarbeiten werden eingeleitet und die Mittel, die vom Hochwasser 1997 stammen, geben einen zusätzlichen Anschub: 1998 öffnet das Café seine Türen. Nachdem sie während der ersten Jahre als Freiwillige tätig waren, beschäftigt der Verein dort inzwischen sechs Frauen. Operation gelungen: arbeitslose Frauen haben sich ihren Arbeitsplatz in der Region geschaffen und das Café gewinnt an Bekanntheit.

Aber damit endet die Arbeit von Frau Rindfleisch und ihren BegleiterInnen nicht. Eine Bibliothek wird eröffnet, nicht zuletzt im Hinblick auf die Jugendlichen, die sich nicht alle einen eigenen Internetanschluß oder die Schulbücher leisten können. “Wir leisten hier auch Sozialarbeit und versorgen beispielsweise ca. 50 Senioren mit Mahlzeiten, und das im Umkreis von bis zu 70 km, häufig in abgelegenen Ecken, wo keine Firma sich um sie kümmern würde.”

Aber die Geschichte des Frauencafés von Groß Neuendorf zeigt nicht nur, wie die Frauen der ehemaligen DDR ihr Schicksal nach der Wiedervereinigung in die eigene Hand nehmen. Das Café sieht sich auch als regionaler Akteur im Oderbruch. “Wir organisieren Begegnungen zwischen deutschen und polnischen Künstlern und auch thematische Veranstaltungen mit dem Ziel, die Region als eine Einheit zu betrachten”, erklärt mir die Vorsitzende des vielseitigen Vereins. Deutsche und Polen hätten sich sehr für das Thema des letzten Jahres interessiert: die 300jährige Nachbarschaft und die Frage der Vertreibung der Bevölkerung. “Die diesjährige Ausstellung, 10 Jahre nach der Oderflut, hatte ebenso großen Erfolg.” Und schon plant das kleine Team für den Herbst eine neue Ausstellung zu einem weiteren grenzüberschreitenden Thema, den Kindersoldaten im Zweiten Weltkrieg.

Frau Rindfleisch gesteht mir mit einem Lächeln, dass sie sich vielleicht gar nicht auf das Abenteuer eingelassen hätte, hätte sie damals geahnt, wieviel Energie das Café sie kosten würde! Und fügt hinzu, dass sie so langsam anfängt, neue Mitarbeiter zu suchen, die ein klitzekleines bißchen jünger sind, und die den Staffelstab dann übernehmen.



Aug
14
Einsortiert unter (Allgemein) von traduction.allemand am 14.08.2007

Fest entschlossen, einen Teil des Wegs auf dem Fluß zurückzulegen, um die Grenze auch anders zu erleben, kümmert sich jetzt Andre Schneider um mich. Er ist Fischer und der Neffe der Familie Schneider, die das Fischgeschäft weiter südlich in Finkenheerd betreiben, wo das Veloblog in der vergangenen Woche Halt gemacht hat. Ebenso sympathisch erklärt mir Andre, dass es heute nicht mehr möglich ist, vom Fischfang zu leben. Er hat zwar eine Ausbildung gemacht, um diesen Beruf zu erlernen, aber die Zukunft sieht er eher in den Radwegen der Oder-Neisse-Region.

Nicht weit vom Grenzübergang entfernt, verkaufen die Schneiders die Fische, die sie in der Oder gefangen haben, und in Kuhbrücke, ein paar Kilometer weiter nördlich, führen sie eine Pension am Rand des Deichs. “Wir verdienen unser Geld eher mit dem Tourismus als mit der Fischerei”, sagt mir Andre, während er mir die Zimmer und den Gemeinschaftsraum mit Küche zeigt, wo die Besucher zusammenkommen können. Die Schneiders bieten auch Boots- und Kanu-Touren auf der Oder an, auf denen sie Interessierten gerne von der Region erzählen. “Wir warten darauf, dass die Grenzen sich öffnen, damit wir unsere Aktivitäten in Richtung Polen ausweiten können.”

Andre nimmt sich morgens Zeit, um mit mir zu paddeln. Eine kleine Fahne mit den Deutschland-Farben ist auf dem Kanu gehisst. “Das ist Pflicht”, sagt Andre und ergänzt, dass das Befahren der Oder vor der Wiedervereinigung gar nicht erlaubt war. “Derzeit kann man auf der Oder fahren. Wenn man aber die Warte befahren und weiter nach Polen fahren will, muß man haufenweise Formulare ausfüllen. Wir warten auf´s nächste Jahr, wenn die Grenzen geöffnet werden, um loszulegen.”

Gleiches gilt fürs Fischen. Die Vorschriften ändern sich von einem Fluss zum andern. Polen wie Deutsche müssen in Besitz einer Fangerlaubnis des Landes sein, in dem sie fischen. Und während erstere ihre Autos bis an den Fluß fahren dürfen, müssen letztere in mindestens 500m Abstand zur Oder parken und anschließend ihre Ausrüstung selber an den Fluss tragen. Erklärt sich so vielleicht die größere Zahl an Fischern auf der polnischen Seite?

Wir lassen uns bis auf die Höhe von Genschmar treiben, wo Andres Schwager uns mitsamt meines Fahrrads und Gepäcks im Anhänger aufsammelt. Das ist wirklich toll, denn so kann ich meinen Weg mit dem Rad fortsetzen, nachdem ich in Andres Gesellschaft eine wunderbare Zeit verbracht habe.



Aug
13
Einsortiert unter (Allgemein) von traduction.allemand am 13.08.2007

Immer noch in Begleitung von Hans-Joachim, meinem derzeitigen Gastgeber und gutem Kenner seiner Region, erkunde ich Kostrzyn und sein historisches Stadtzentrum, das heute auf der polnischen Seite liegt.

Vorbei an der Grenze und am gewohnten Markt für die Deutschen, von dem Hans-Joachim mir sagt, er sei zu teuer und er ziehe einen anderen, kleineren Markt ein Stück weiter im Stadtinneren vor. Er zeigt mir das Hotel ganz nah am Grenzübergang, an dessen Bau er beteiligt war: “Die Polen haben einfach die Steine der Schloßruine wiederverwendet. Hier hat man schnell mit dem Wiederaufbau angefangen.”

Wir gelangen tiefer in die Straßen der Stadt, die im Zweiten Weltkrieg zu 80% zerstört wurde. Bescheidene Wohnbauten mit mehreren Stockwerken, Balkons geschmückt mit Satellitenschüsseln. Alte Gebäude gibt es nur sehr wenige. Auf den Gehwegen flanieren Jugendliche und Kinderwagen in der Sonne. Es gibt viele Kinder, die auf der Straße spielen. Nachdem ich mich in der letzten Zeit daran gewöhnt habe, davon zu hören, dass die Jungen die Region verlassen, um Arbeit zu finden, erstaunt mich dieses Getümmel, all diese Kinder. Aber Hans-Joachim hat auch hierfür eine Antwort: “Abtreibung ist in Polen verboten. Die Menschen hier sind sehr katholisch und praktizieren ihren Glauben auch.” Das bestätigt sich, als wir die Tür zu einer Kirche öffnen, in der mehrere Frauen auf Knien beten. Prostitution dagegen wird toleriert. Die Bordelle, die 24 Stunden am Tag geöffnet sind, erinnern einen daran.

Als wir vor dem beeindruckenden Bahnhof entlang laufen, erklärt mir Hans-Joachim, dass auch hier die Eisenbahn eine wichtige Rolle gespielt habe. “Aber heute ist es nicht mehr wie früher. Die Polen haben noch weniger Geld als wir und mit der Arbeit ist es dasselbe: 20% sind arbeitslos.” Hans-Joachim weiß, wovon er spricht, denn er hat zehn Jahre in Polen gelebt. Und ob sich daran etwas ändert, wenn Polen zum Schengener Raum gehört und die Grenzen sich öffnen… warum auch, nichts ist sicher, aber man muss es abwarten.



Aug
13
Einsortiert unter (Allgemein) von traduction.allemand am 13.08.2007

Gemeinsam mit Ilona und Hans-Joachim entdecke ich die wechselhafte Geschichte der Stadt, denn das “Kulturhaus” von Küstrin-Kietz hat extra seine Türen geöffnet, um uns diesen Besuch auch außerhalb der regulären Öffnungszeiten - dienstags 13-17 Uhr und donnerstags 8-14 Uhr - zu ermöglichen.

Die von Pflanzen überwucherten Ruinen, die Hans-Joachim und ich schon vom Rad aus auf polnischer Seite bemerkt haben, lassen sich erklären: Der Markgraf Johann von Brandenburg hatte dort im 16. Jahrhundert seine Residenz errichtet, und sein Schloß mit Festungsmauern von 8 m Höhe und Bunkern schützen lassen. Zunächst Garnisonsstadt der Hohenzollern (1630), dann des Staates (1860), hat das, was man hier die “Wiege des preußischen Militarismus” nennt, dem Zweiten Weltkrieg an der deutsch-russischen Front nicht standgehalten. Zu einem Großteil zerstört, wird die alte Siedlung mit Hilfe europäischer Fördergelder wieder aufgebaut.

Während die Polen versuchen, einen touristischen Anlaufpunkt um das frühere historische und heute verschwundene Zentrum zu schaffen, scheinen die Deutschen angesichts der Anstrengungen, die nötig sind, um die alten Kasernen entlang der Oder zu sanieren, aufzugeben. Deutsche Infanterie-Kasernen, die dann von den Russen übernommen wurden. Hans-Joachim erinnert sich an diese Zeit, als die Russen wie die Könige in den Kasernen lebten, während im Dorf die Regale im Konsum mehr als leer waren. Nichtsdestotrotz war das Verhältnis zu den Einwohnern gut.
Mit der Wiedervereinigung hat sich alles geändert. Die Russen sind abgezogen, 1991 hat das Dorf seinen ursprünglichen Namen zurückerhalten (Küstrin-Kietz statt nur Kietz), der an die Ursprünge der Stadt erinnert, und 1992 wurden die Eisenbahnbrücke und eine Fußgängerbrücke zwischen Deutschland und Polen wieder geöffnet. “Sie bauen noch eine weitere Brücke”, sagt mir Hans-Joachim, “aber das bringt nichts, die Warteschlangen an der Grenze sind nicht mehr so lang, und im nächsten Jahr gibt es die Grenze nicht einmal mehr.” Und dann zeigt er mir die Überreste der Holzbrücke, die beide Seiten verband. Zu viele Brücken hier und nicht genügend dort…



Aug
13
Einsortiert unter (Allgemein) von traduction.allemand am 13.08.2007

Am Ende ist es ein Hartz IV-Emfänger, den ich in den leeren Straßen von Küstrin-Kietz getroffen habe, der mich bei sich aufnimmt, nachdem die Pensionen des Nestes besetzt waren und nachdem er mich gewarnt hatte, dass im Dorf getratscht werden würde. Was soll´s, da bin ich in einer neuen Welt, der von Hans-Joachim, der mich schnell seinen Freunden, den Nachbarn Uwe und Ilona, vorstellt.

An Gastfreundschaft fehlt es hier nicht, eher an Perspektiven. Uwe und Ilona sind seit mehr als zehn Jahren arbeitslos. Sie arbeiteten für die Deutsche Reichsbahn, wie viele andere in der Gegend. Aber mit der Wiedervereinigung sank der Bedarf an Rohstoffen aus Rußland, der Schienenverkehr nahm ab und die Reichsbahn, von der Deutschen Bahn übernommen, wurde umstrukturiert. Seitdem herrscht Hartz IV. Die Miete wird übernommen und man erhält ca. 350 Euro. Nicht leicht.

Hans-Joachim bekommt auch Hartz IV. Von Beruf Maurer, glaubt er nicht mehr daran, noch einmal arbeiten zu können. In Deutschland findet er keine Stelle mehr und in Polen verdient er selbst mit Wochenendarbeit nicht genug, um damit einen Monat lang über die Runden zu kommen. Die Zeit der Baustellen ist für ihn also vorbei. Bleiben nur die Kollegen, Deutsche wie Polen, um sich an die gute alte Zeit zu erinnern!

Denn für Hans-Joachim ist die Grenze nur eine Formalität. Dieses Kind des Landes, das heute in den Fünfzigern steht, arbeitete, liebte und wohnte auf der einen wie auf der anderen Seite der Oder. Die Region kennt er wie seine Westentasche. Und trotz allem begnügt sich Hans-Joachim damit, sich um ein paar Hühner, Kaninchen und etwas um den Garten zu kümmern, um den Alltag zu verbessern und gemeinsam mit den Nachbarn möglichst angenehm zu gestalten.

Jetzt verstehe ich auch die Abneigung gegenüber dem Alkohol, der mir bei den Leuten weiter südlich begegnet war. Es scheint, als würde er den schwierigen Alltag mildern, aber in Wirklichkeit schläfert er den Geist ein und verschlingt den einen oder andern ganz, und läßt einen jeden den Menschen vergessen, der dahinter steckt.



Aug
12
Einsortiert unter (Allgemein) von traduction.allemand am 12.08.2007

Das wäre zu früh gefreut, hatte mich mein Gastgeber aus Forst am Begegnungstag gewarnt, als ich ihm von meiner Idee erzählte, auf ein Boot der Wasserschutzpolizei zu steigen, um bequem die Oder ein Stück herunter zu fahren. Sonntags ist der Chef nicht da, um darüber zu entscheiden. Nun gut. Und die anderen Boote, von Eisenhüttenstadt kommend, fahren im Moment nicht, wie ich am Telefon erfahre: die Oder steht zu niedrig. Ok… tja dann eben auch die nächsten 30 km Radfahrt!

Das ist DIE Gelegenheit, die Karten der Arbeitsinitiative Letschin e.V. einzuweihen, die Peter, ein Frankfurter, der am Begegnungstag dabei war, mir netterweise überlassen hat… so tut es mir nicht so sehr um meine eigene Karte leid, die ich neulich irgendwo verloren habe… Apropos Karte: es gibt wirklich nur wenige Karten von der Grenze, auf denen auch praktische Infos zu beiden Seiten der Oder zu finden sind… dies nur ein kleiner Hinweis für diejenigen, die die Zeit aufbringen können, diesem chauvinistischen Ungleichgewicht Abhilfe zu schaffen…

Weiter geht´s: diesmal bin ich wieder auf der polnischen Seite. Auch hier gibt es einen Radweg. Wie auch auf der deutschen Seite führt er auf dem Deich entlang. Es gibt viele Angler, mehr als auf der anderen Seite. Nachdem ich die durchaus reizvolle Einladung des ADFC, gemeinsam mit einer Gruppe in Richtung Osno zu fahren, aus Zeitmangel leider ablehnen muß, entscheide ich mich, der Oder zu folgen, in der Hoffnung, Owczary und sein Wiesenmuseum zu erreichen, das mir ebenfalls am vergangenen Abend empfohlen wurde.

Nur passiert hier folgendes: nach ca. 15 km ist da plötzlich kein Damm mehr, und auch kein Weg. Nur eine riesige Baustelle, übersät von Pfützen (2, 3, 4). Ich sehe Euch schon schmunzeln… 13 km - um dann mühsam auf feuchtem Sand zu fahren! Das war keine leichte Sache… aber um diejenigen, die sich noch auf den Weg machen werden, nicht zu entmutigen: der Damm soll im Herbst fertiggestellt sein.

Nach diesem Rennen passiere ich um 21 Uhr die Grenze in Kostrzyn, nachdem ich diesen riesigen form- und seelenlosen Basar genau unter die Lupe genommen habe, der doch so viele Berliner und andere Kauflustige anzieht, die leicht darauf reinfallen.



Aug
11
Einsortiert unter (Allgemein) von traduction.allemand am 11.08.2007

Geschmäcker und Farben am Ufer der Oder

Es braucht schon die Kühnheit von Charlotte, um Berliner zu überzeugen, Anfang August für eine Weile nach Frankfurt/Oder zu kommen. Was bleibt der Stadt, wenn die Europa-Uni Viadrina (dieser Leuchtturm, der die Brandenburger Eintönigkeit erhellt) ohne Studenten dasteht ? Mehr als man denkt. Uns das zu verdeutlichen, war das Ziel der Organisatoren der Stadtrallye, oder eher der Städterallye, denn das ehemalige Viertel Frankfurts, das sich auf der Ostseite des Flusses befindet, wurde zu Słubice, einer polnischen Stadt, die nach 1945 mit Steinen aus Warschau wieder aufgebaut wurde und in der sich Bewohner von Lwow/Lemberg ansiedelten. Inmitten einer deutsch-französisch-polnischen Gruppe konnten wir das heutige Słubfurt mit Archivfotos vergleichen, nach der Art „vorher/nachher“ – wie in einer Werbung für Geschichte.

Ein Frankfurter, der sich für das Veloblog begeistert, erzählt uns vom Kino Piast, das tagsüber ein Obst- und Gemüseladen war, von den Straßen Słubices, die den Eindruck vermitteln, Tabak und Friseure wären die Brüste Polens, von der Solarfabrik, die Frankfurt eine Zukunft verspricht… Die für den Abend organisierten Lesungen füllen unsere Geschichtenkammer – Anlass zum Träumen und ein bisschen nachzudenken während der Sommerabende in Berlin, an denen definitiv nicht viel los ist.



Aug
11
Einsortiert unter (Allgemein) von traduction.allemand am 11.08.2007

Ich bin immer noch ganz aufgewühlt, während ich gerade diese Zeilen schreibe.
Der zweite Begegnungstag hat wirklich eine schöne Gruppe zusammengeführt: Mitglieder des Veloblog, Freunde und Neugierige, die durch einen Artikel in der Lokalzeitung oder ein Radio-Interview auf das Treffen aufmerksam geworden sind, und schließlich meine Gastgeber aus Bad Muskau, Forst, Guben-Gubin und Ziltendorf. Alle diese Leute haben sich auf den Weg gemacht, um sich im Studentenclub Grotte e.V. einzufinden, der seine Sommerpause unterbrach, um das Veloblog zu empfangen.

Sie alle waren da um an der Rallye in der Doppel-Stadt teilzunehmen, die kenntnisreich von Maciej und Ela vom Institut für angewandte Gechichte organisiert wurde, anschließend den Stimmen von Frau Schneider, Andreas Peter und Tina Veihelmann zu lauschen, die uns ihre kleinen Geschichten aus der Grenzregion erzählten, und zu guter Letzt, um zu den mitreißenden Rhythmen der Gruppe FeinerArt zu tanzen.

Ein wirklich reichhaltiges Programm mit Pausen, um einen Happen zu essen und sich kennen zu lernen und Telefonnummern und Mailadressen auszutauschen, für den Fall, dass man gemeinsame Interessen hat. Ein wahrer Begegnungstag… genau wie ich ihn mir ausgemalt hatte!

Für mich persönlich bedeuten diese Begegnungstage vor allem eine Jongliernummer mit mindestens vier Bällen: aufs Wohlergehen eines jeden zu achten, auf den gelungenen Ablauf des Programms, die mediale Berichterstattung über das Ereignis sicherzustellen und darauf zu achten, dass alle gut ans Ziel kommen. Wobei ich dann meinen Ausweis vergessen habe, und das ausgerechnet während der halben Stunde, die ich mir reserviert hatte, um einer der Rallye-Gruppen in der Stadt zu folgen! Selbst nach fast einem Monat des Bummelns von hier nach dort über die Grenze… da kann man nichts machen!

Berührend zu sehen, dass jeder andere nette oder interessante Menschen getroffen hat, und entzückt von den ersten Rückmeldungen, daß auch die Frankfurter selbst mir sagen, sie hätten noch etwas dazugelernt.
Jetzt seid ihr an der Reihe, denjenigen, die nicht dabei waren, den Begegnungstag so zu schildern, wie ihr ihn erlebt habt!
Das Blog öffnet sich für einen interaktiven Blick: schickt Eure Texte (maximal 2000 Zeichen) in Eurer Muttersprache an webmaster(at)veloblog.eu. Sie werden dann ins Netz gestellt und sind für jedermann zugänglich! Es wird mir ein Vergnügen sein, Eure Texte zu lesen…

Und nun, zur Essenszeit, bereite ich mich auf meinen Aufbruch vor… auf der Suche nach einem Boot, um die Oder ein Stück weiter runterzufahren oder aber, wenn die sonntägliche Pause dies nicht zuläßt, um auf die polnische Seite zu wechseln und Euch meine nächsten Abenteuer zu erzählen, ordentlich gestärkt durch den Enthusiasmus, der dem Veloblog entgegengebracht wird!



  • Suche



Lustiger Spendenaufruf



  • Der Weg


    Karte

  • Véloblog empfehlen