Archiv für die ‘Allgemein’ Kategorie

Jul
30
Einsortiert unter (Allgemein) von traduction.allemand am 30.07.2007

Klimawechsel hin oder her, ich muss Euch sagen, es ist Ende Juli und es schüttet aus Kübeln hier in der Gegend der Kohlegruben!

Einwohner lassen sich kaum blicken und die Sehnsucht, ins Warme zu kommen, steigt. Meine Ansprechpartner empfehlen mir das ehemalige Waisenhaus in Grießen. Hier soll es deutsch-polnische Projekte oder irgendwie so was geben.

Die Details erhalte ich vom örtlichen Verantwortlichen am nächsten Tag. Beim Frühstück. Das Waisenhaus wurde im Juni 2001 geschlossen. Es war zu teuer für diesen Bezirk, zwei Waisenhäuser zu unterhalten. Nun sind die Kinder in Spremberg.” Und seit einem Jahr wird dieser Ort wieder genutzt, von dem Verein Haus der Familie e.V., die ihren Sitz etwas weiter nördlich in Guben hat.
„Wir haben 24 Zimmer, einen Festsaal, eine eingerichtete Küche und Bungalows für die Familien“, sagt mir Hans Kremers. Und es stimmt, der Ort ist sehr nett, so versteckt im Grünen. Hans Kremers, der über sechzig ist, hofft, dass das Projekt die Aufmerksamkeit von Schulen und Fahrradtouristen, die die Neiße hinauffahren, auf sich zieht. Ein direkter Weg von den Fahrradpisten zum Familienzentrum ist schon geplant. Aber man warte noch auf Subventionen, und der Boden muss noch auf Bomben untersucht werden, die noch aus der Zeit stammen, als die Russen hier waren.

Und die berühmten deutsch-polnischen Projekte? „Das ist noch im Aufbau“, erklärt mir Hans Kremers. Man hat schon Kontakt zu den Deutschen aufgenommen, die Fahrradtouren in Polen organisieren …. Für eine Hand voll Euro. Ob er selbst einige Polen kenne? Nicht wirklich, er kam 1991 aus Düsseldorf hierher. „Natürlich werde ich viel mit der anderen Seite machen, aber deswegen die Mühe auf mich nehmen, die Sprache zu lernen…“ Aber vielleicht ändert sich das ja mit dem Schengener Abkommen.
Vielleicht….



Jul
29
Einsortiert unter (Allgemein) von traduction.allemand am 29.07.2007

Es fällt mir schwer, Euch die Geschichte von Horno zu erzählen, denn ich habe das Dorf nie gesehen. Jedenfalls nicht das echte, nur das Neue. Und das alte habe ich umsonst gesucht und nicht gefunden. Dabei höre ich ständig davon.

Horno wurde aus der Karte gestrichen, aus dem Internet gestrichen. www.horno.de gibt es nicht mehr. Das kleine Dorf von etwa 350 Einwohnern hat sich endgültig vom klaffenden Loch des Kohletagebaus von Jänschwalde, nordwestlich von Forst, verschlingen lassen. Im Juni 2004. Seit Jahren hatten sich die Bewohner gewehrt, erklärt man mir im Nachbardorf Grießen. Um genau zu sein seit 1977. Sie haben alles versucht: Sie kämpften für die recht große Gemeinschaft der Sorben in der Gemeinde, um die 500 Jahre alte Kirche und ums Prinzip. Aber das Unternehmen Lausitzer Braunkohle AG (LAUBAG) hat schließlich gegen jeden Einzelnen gewonnen. Sogar gegen das Ehepaar Herr und Frau Domain, die bis zum letzten Moment Eigentümer ihres Hauses, des Dorfcafés, blieben, mitten in Staub, Krach und der Minenwüste. Es ist keine Geschichte wie jede andere, und dennoch ist es nicht das erste Mal, dass man mir so etwas in dieser Region erzählt.

Die Einen fragen nach dem Sinn dieser Grube, die sich von Cottbus bis zur Grenze erstreckt und alles auffrisst, was sich ihr in den Weg stellt. Die Anderen sehen darin vor allem Arbeitsplätze. Aber niemand fragt sich wirklich, ob das wirtschaftlich tragbar ist.

Eine seltsame Stimmung. Vor allem, wenn man weiß, dass die Unterhaltung in Grießen, einem Dorf am Rande der Grube, stattfindet. Ein Dorf gewissermaßen auf der Warteliste. Auch wenn die Leute an der Bar der Pumpstation mir das Gegenteil weismachen wollen. Sie fügen hinzu, dass man hier schon seit den 90er Jahren keine Bauerlaubnis mehr bekommt. Wie zuvor in Horno. Und das mit dem Lärm, dem Staub und dem Loch, naja, es gibt jetzt nur noch rund hundert Einwohner. Gruselig.

Genauso gruselig ist übrigens der Umweg über die Kohlenminen auf der Suche nach dem verschwundenen Dorf. Abrupt endende Straßen (1, 2), veraltete Hinweisschilder und ein Loch, ein riesiges, schwarzes Loch (1, 2). Wie im Süden von Weißwasser. Wie im Norden von Bogatynia.

„Wollen Sie Horno sehen? Da kommen Sie aber gut zwei Jahre zu spät! Hier gibt es nichts mehr“, sagt mir der Dienst habende Wachmann der Grube. „Jetzt sind sie alle in Neu Horno, einem Vorort von Forst.“ Zwanzig Kilometer weiter. Ein komplett von der Firma gebautes Dorf für die „Umsiedler aus Horno“. Perfekte kleine Häuser, aber ohne Seele. Fotografiert unter einem Regenbogen. Die perfekte Postkarte Und trotzdem, die alten Leute sterben hier wie die Fliegen… für eine sinnvolle Energiepolitik?



Jul
28
Einsortiert unter (Allgemein) von Charlotte am 28.07.2007

Der Traum vieler Menschen… und wieder einmal ein wirklicher Glückstreffer, diesmal allerdings am Ende eines langen Weges!

In Forst, einer kleinen Stadt mit rund 22 000 Einwohnern, schaut man mich seltsam an, als ich vom Veloblog und meinem Interesse für deutsch-polnische Projekte erzähle und frage, wo ich eventuell die Nacht umsonst verbringen könnte. Nach zwei Stunden komischer Gesichter versuche ich es bei einer letzten Adresse. „Links hinter dem Freibad finden Sie ein Jugendzentrum. Dort machen sie auch Projekte mit den Polen“, sagt man mir.

Im Lichtschein meiner Fahrradlampe erreichte ich also das „Kinder- und Jugenddorf“. Etwas ungeschickt vielleicht stellte ich mich den Leuten, die um ein Lagerfeuer herum saßen, vor… Und so hat das Team der Rettungsschwimmer von Forst mich aus meiner Not gerettet! Ganz einfach. Man hat mir sogar zu essen und zu trinken angeboten, um mich wieder aufzupäppeln. Mit dem berühmten Lied von Rainald Grebe, welches von der Stimmung der Umgebung handelt, wurde ich in Brandenburg willkommen geheißen. Was für eine Ironie. Denn am nächsten Tag will mir das freundliche Rettungsschwimmerteam die Stadt Forst in einem ganz anderen Licht zeigen!

Nun, da der Schwimmkurs für die jungen Deutschen aus Forst und die jungen Polen aus Lubsko , der Partnerstadt, zu Ende ist, haben sie dafür genug Zeit. Für zwei gemeinsame Wochen trafen sich etwa zwanzig junge Menschen, um die 10 Jahre alt und aus beiden Ländern, im Freizeitzentrum. Am Vormittag gibt es Schwimmunterricht, vor allem für die Polen, die im Allgemeinen noch nicht schwimmen konnten, am Nachmittag dann gemeinsame Unternehmungen. Ein schönes Projekt, das alle Augen leuchten lässt.

Einziger Wermutstropfen: Diese Art von Erlebnis ist noch zu selten. Dabei ist doch alles vorhanden: Es gibt Übernachtungs- und Versorgungsmöglichkeiten für die Kinder und ein riesiges Gelände, um bei Bedarf Zelte aufzustellen. Aber die Stadt Forst, Eigentümer des Grundstückes, wartet weiter auf Projekte. Die Bademeister übrigens auch. Also schicken Sie schnell Ihre Buchungen an:

Kinder- und Jugenddorf Forst
Paul- Högelheimer Straße 3
03149 Forst
(Telefon: 0356299410)

Oder machen Sie einen Umweg zum Freizeitzentrum: Wenn Sie die freundlichen Leute dort treffen, ist es unmöglich, ohne ein Lächeln auf den Lippen weiter zu fahren.

Sie entdecken sicherlich auch das prächtige Freibad von Forst. Es wurde in den 50er Jahren als Trainingsort für die Leistungssportler der DDR gebaut und 2003 renoviert. Zwischen Mai und September sind die Schwimmbecken, der Whirlpool und das Sprungbecken mit 10m-Turm geöffnet.

Und wenn der Regen nicht ganz so hartnäckig ist wie auf meiner Reise haben Sie vielleicht Gelegenheit, in den Rosengarten nicht weit von der Neiße zu gehen. Kurz gesagt, trauen Sie dem äußeren Schein nicht, sondern suchen Sie lieber die “Kinderinsel” in Forst!

Vielen dank nochmal an “Studio 80” für die Fotos!



Jul
27
Einsortiert unter (Allgemein) von Charlotte am 27.07.2007

Obwohl ich nicht zu den vielen Fahrradtouristen gehöre, die tapfer die deutschen Fahrradwege entlang der Neiße und dann der Oder hinaufradeln, und das bis zur Ostsee, erlaube ich mir trotz allem, mich zum Sprachrohr für viele Menschen, die ich unterwegs getroffen habe, zu machen: Es sollen die schönsten Strecken Deutschlands sein, sowohl hinsichtlich der Vielfalt der Landschaften als auch der Qualität der Wege selbst.

Es stimmt schon, die Abschnitte auf dem berühmten „Oder-Neiße-Radweg“, wie er offiziell genannt wird, haben mich wirklich bezaubert. Auch heute wieder waren die Kilometer zwischen Groß Bademeusel und Forst eine Freude (1, 2). Mit einem Jägerhochstand im Vorüberfahren, um schnell mal zu bloggen.

Aber dennoch kann ich mir ein wenig Enttäuschung nicht verwehren: Warum sollten die beiden Grenzregionen nicht zusammenarbeiten, um eine deutsch-polnische Fahrradstrecke zu errichten, soll heißen, teils in Deutschland, teils in Polen? Das wäre wirklich Europa!
Und der europäische Sozialfonds wäre sicher auch dabei, um diese Initiative zu unterstützen…



Jul
27
Einsortiert unter (Allgemein) von Charlotte am 27.07.2007

Einige werden die Geschichte von Groß Bademeusel bereits aus der Lausitzer Rundschau kennen: Der Veloblog und meine Ankunft in Groß Bademeusel sind dort auf einer ganzen Seite präsentiert… die Berühmtheit am Ende des Weges.

Als ich Roswitha über den Gartenzaun hinweg fragte, ob sie vielleicht jemanden kenne, bei dem ich die Nacht verbringen könnte, hat sich die Tür sanft geöffnet - ich war fündig geworden.

In Groß Bademeusel (einem 250-Seelen-Dorf) kennt man sich offenbar. Während man mir erzählt, dass die jungen Frauen des Dorfes gerade dabei seien, Faustball zu spielen, zeigt mir der Nachbar Claudius die Schmiede seiner Eltern.
Ambosse und Hämmer, einer schwerer als der andere: Es öffnet sich ein Bild aus einer anderen Zeit. Heute ist die Schmiede nicht mehr in Betrieb. Claudius weiß nicht, was er nun damit machen soll. Warum nicht ein Museum für die Fahrradfahrer, die ein paar hundert Meter weiter die Neiße entlang fahren?

Wir, also meine Gastgeberinnen Roswitha und Liana und ich, haben den ganzen Abend bei einem Glas Kirschwein (aus eigener Herstellung) über die Region gesprochen. Die lokalen Sehenswürdigkeiten kamen dabei selbstverständlich zur Sprache, so zum Beispiel die Sprengstofffabrik, die sich heute auf der anderen Seite der Grenze befindet. Mit ihren einziehbaren Wegen und den Bunkern war sie gut vor dem Feind geschützt und bis 1945 in Benutzung. Heute kann man diesen Ort mit Führer besuchen.

Ansonsten haben wir über alte Zeiten geredet. Roswitha ist heute Großmutter und weiß eine Menge zu berichten. Die Zeiten haben sich seit der Wende sehr geändert. Heute reicht es nicht mehr, nur zur Schule zu gehen und zu studieren, um eine Arbeit zu bekommen. Heute ist es anders. Man spürt einen nostalgischen Unterton bei Roswitha, die sich manchmal richtig aufregt. Noch einmal höre ich, dass es sehr schwer ist, in der Region Arbeit zu finden. Viele junge Leute gehen weg oder arbeiten für 400 Euro im Monat (Minijob), wie mir Liana erklärt.

Aber bei meinen Gastgebern ist der Nachwuchs mit der kleinen Ronja, die ständig um Hilfe beim Herumspringen bittet, gesichert. Drei Generationen unter einem Dach in Harmonie und guter Laune (1, 2). Liana, die junge Mutter, kann es sich nicht anders vorstellen: Sie ist auch mit ihren Großeltern im gleichen Haus aufgewachsen und möchte am Austausch der Generationen festhalten.

Zum Frühstück ist auch der Papa da. Er muss erst am Nachmittag zur Arbeit. Rene ist Zollbeamter. Mit seinen Kollegen fährt er im deutschen Teil der Region Streife, um Autos zu kontrollieren und den Schmuggel einzudämmen. Oft finden sie Zigaretten, die aus Russland kommen. Und das wird wohl auch selbst nach Polens Beitritt zum Schengener Abkommen so weitergehen.

Rene nimmt sich auch die Zeit, mir die Geschichte des Dorfes zu erzählen. Am nächsten Tag las ich in der Lausitzer Rundschau, dass ich es mit dem Bürgermeister von Groß Bademeusel zu tun hatte. Er erzählte, dass sich die Gemeinde vor langer Zeit auf der anderen Seite der Neiße befand. Dann haben sich die Bewohner entschieden, das Dorf auf diese Seite “umziehen” zu lassen, um Überschwemmungen aus dem Weg zu gehen. Ein Zufall der Natur also, dass sich die Gemeinde heute auf der deutschen Seite befindet…



Jul
26
Einsortiert unter (Allgemein) von traduction.allemand am 26.07.2007

Seht Ihr mich schon, mit meinem Zweirad auf der Autobahn? Also bitte, ein bisschen gesunden Menschenverstand! Ich musste mir doch nur etwas einfallen lassen, um diesen komischen Grenzposten überqueren zu können.

Stellt Euch das vor: Die polnische Seite: Ich radle friedlich vor mich hin auf der Straße, im Schatten des Tannenwaldes. Nicht mal eine Katze. Endlich ein wenig Ruhe, um nochmal an all die Geschichten, die ich auf meinem Weg erlebt und gesammelt habe, zu denken. Je mehr ich mich der Grenze nähere, desto spärlicher werden die Bäume und desto zahlreicher die Tankstellen. Ich fühle mich ein wenig einsam zwischen all den Lastwagen. Aber der eigentliche Haken ist eher der Grenzübergang.

Die deutsche Seite: Die Straße wird zur Autobahn. Es ist wirklich absurd. Ein riesiges Hindernis für Fußgänger und Fahrradfahrer, die an dieser Stelle gebeten werden, sich (zu Fuß oder mit dem Rad) zum nächsten Grenzposten, zwanzig Kilometer weiter nördlich (Forst) oder weiter südlich (Bad Muskau/ Łeknica), zu begeben. Und das, obwohl ich doch der Empfehlung von Eva und Aischa folgen wollte, schnellstmöglich eine Unterkunft für die Nacht zu finden….

Ich entschließe mich, mit den Grenzbeamten zu verhandeln: „Ich muss nur das nächste Dorf Klein Bademeusel erreichen, verstehen Sie, bloß zwei Kilometer… die erste Autobahnausfahrt…“ Wir finden wir einen Kompromiss: Sie kontrollieren die Ausweise der Passanten und ich suche mir derweil einen freundlichen Chauffeur. Schließlich steige ich in einen polnischen Transporter, der nach Deutschland fährt, das Fahrrad im Kofferraum und ich auf dem Beifahrersitz. Ein junges, sehr nettes Paar, das mich innerhalb von zwei Minuten mit den regionalen sauren Gurken füttert. Ausgezeichnet! Und schon bin ich in Deutschland, in Klein Bademeusel: Operation gelungen!



Jul
26
Einsortiert unter (Allgemein) von traduction.allemand am 26.07.2007

Als ich tapfer weiterradelte, um den nächsten Grenzposten (kurz hinter dem Dorf Olszyna) zu erreichen und wieder nach Deutschland hinüber zu fahren, konnte ich der Versuchung einer Kaffeepause nicht widerstehen, was einige sicher verstehen werden…

Ich machte also Halt in einem Lokal am Rande der Straße, die ich entlang fuhr. Und erst, als sie mich zu sich an den Tisch einluden, bemerkte ich, dass Eva und Aischa eine “etwas andere Arbeit” machen. Zwei sehr nette Mädchen, die eine Polin (23), die andere Bulgarin (32), die mich warnen. Viele Mädchen warten auf der Straße auf ihre Kunden und die Zuhälter sind nicht weit. Ich solle aufpassen und mir möglichst schnell eine Unterkunft für die Nacht suchen. Die Mädchen erzählen mir von ihren Abenteuern und Missgeschicken im Rotlichtmilieu. Auch hier werden Deutsche und Polen verglichen. Die Deutschen kommen übers Wochenende, um sich zu amüsieren, und zahlen gut. Vor den Polen müsse man sich in Acht nehmen, sie seien manchmal gewalttätig. Aber Eva fügt hinzu, dass sie nichts gegen Polen habe, sie sei ja selbst Polin. Nur sei die Gegend “dafür” bekannt.

Zwei Männer kommen auf uns zu und unterbrechen unsere Unterhaltung. Sie schlagen den Mädchen vor, für sie anschaffen zu gehen. Fifty-fifty für ein Zimmer und eine Internetseite. Telefonummern werden ausgetauscht. Aber als die Burschen weg sind, sagen mir die Mädchen, dass sie lieber zusammen und auf eigene Rechnung arbeiten. Das ist sicherer.

Erneut kommen Autos an. Zeit für mich, mich wieder auf den Weg zu machen. Mädchen, passt ihr auch auf euch auf. Und vielen Dank für die gemeinsame Kaffeepause!



Jul
26
Einsortiert unter (Allgemein) von traduction.allemand am 26.07.2007

Immer noch auf polnischer Seite fahre ich weiter meines Weges. Bis zum Nachbarort Nowe Czaple, zum Treffen mit Pawełs großer Schwester Gertruda Kaminska. Sie ist 75, ebenfalls in Topform, mit lachenden Augen und vor allem voller Geschichten von früher!

Auch sie erzählt vom Krieg, vom Papa ukrainischer Herkunft, der als deutscher Soldat in den Krieg gezogen ist, von der Mama, die mit den sechs Kindern in der Heimat geblieben ist, und danach von der Front. Neun Wochen Front und viele Tote. “Die polnischen Soldaten sind anschließend gekommen und haben gesagt, dass diejenigen, die wollen, die Neiße überqueren könnten. Wir sind unserer Mutter gefolgt, sie meinte, so sei es besser, um den Vater wiederzufinden, der von der Front kam.” Nach dem Wiedersehen beschloss der Vater, “in die Heimat zurückzukehren”, also die Neiße in die Gegenrichtung noch einmal zu überqueren. “Vielleicht hat er es im Nachhinein bereut, denn bei uns in Polen war es schwieriger als in Ostdeutschland”, sagt Gertruda. Auch sie musste sich anpassen, polnisch lernen, usw.

Und sie erinnert sich an ihre Schwester, die die Unruhen im Zusammenhang mit dem Volksaufstand 1953 in Ostdeutschland und der sowjetischen Unterdrückung ausnutzte, um nach Westdeutschland zu fliehen. “Ich konnte sie das erste Mal 1971 besuchen und konnte nicht schlafen”, erinnert sie sich. “Die Menschen standen Schlange, um in den Geschäften einzukaufen, sie konnten alles kaufen, während bei uns die Regale immer leer waren! Das hat mich angewidert, es hat mich krank gemacht!”

Die Zeiten waren schwierig, Gertruda wird nicht das Gegenteil behaupten. Sie hat ebenfalls lange in der Genossenschaft gearbeitet. Als Köchin. “Wir hatten nicht viel, aber wenigstens etwas Geld am Ende des Monats. Heutzutage findet kein Mensch mehr Arbeit!”, erhebt Gertruda die Stimme. “Ach, erzählen Sie mir nichts von unseren Politikern! Sie kochen da oben ihr Süppchen und wir, die kleinen Leute, können nichts machen!” Ich lasse mir das polnische Sozialsystem erklären: Sechs Monate lang gibt es für die Arbeitslosen, die nicht dreimal in Folge ein Stellenangebot ausgeschlagen, eine finanzielle Unterstützung. Danach nichts mehr. Kein RMI wie in Frankreich, kein Hartz IV wie in Deutschland. Nur noch Durchbeißen, Schwarzarbeit, Gartenanbau zur Selbstversorgung.

Gertrudas Sohn, der den kleinen Familienbetrieb wieder aufgenommen hat, ist selbst arbeitslos. “Er baut zwar seine Kartoffeln an, aber entweder kann er sie gar nicht verkaufen, oder es bringt ihm nichts ein.” Die Familie begrüßt die europäischen Subventionen, die seit drei Jahren fließen, wundert sich aber, warum die Polen weniger erhalten als die anderen europäischen Landwirte.

Sie hat so einige Geschichten erlebt, die Gertruda! Sie könnte mir davon den ganzen Nachmittag erzählen. Aber der Versuchung zum Trotz, ihr noch ein paar Stunden zu lauschen, entscheide ich mich, weiter zu fahren: Ich möchte heute gern noch so zwanzig Kilometer schaffen!



Jul
26
Einsortiert unter (Allgemein) von traduction.allemand am 26.07.2007

Trotz seines hohen Alters steigt Paweł Szumało immer noch mit den anderen aufs Gerüst, um ihnen zur Hand zu gehen. Mit seinen 70 Jahren kann er so einige Geschichten über die landwirtschaftliche Produktionsgenossenschaft in Pustków erzählen!

Paweł erinnert sich an den Krieg, an die Deutschen, die auf dem Hof der Genossenschaft waren, und an die Russen, die ankamen. Neun Wochen lang standen sich die Truppen gegenüber. Dort, gleich nebenan im Wald, daran erinnert sich Paweł, der damals acht war, genau. Danach haben die Deutschen den Rückzug in Richtung Neiße angetreten. Und die Russen sind in die Genossenschaft eingedrungen. Zu dieser Zeit lebten hier mehrere Familien. “Vor allem Polen und Ukrainer, wie meine Eltern. Sie sind gekommen, um in Deutschland zu arbeiten”, sagt mir Paweł. “Wir hatten uns alle im Keller versammelt, und als die Russen eine Handgranate in den Hof werfen wollten, haben wir ihnen gesagt, dass wir keine Deutschen sind!” Was für ein Glück, dass Paweł noch da ist, um mir die Geschichte erzählen zu können. “Die Russen? Sie haben uns gefragt, ob sie noch weit von Berlin entfernt seien.”

Gemeinsam machen wir in der Sonne einen Rundgang durch die Örtlichkeiten. Hier die Ställe für die Kühe, dort die der Schweine. Weiter entfernt befinden sich die Tankstelle und die Werkstatt, in der man sein Auto reparieren lassen könnte. Die Wohnungen und das Haus, in dem der Dünger verteilt wurde. Es ist schwer, sich diesen Ort belebt vorzustellen, die Personen, die hier in der “PGR” (polnisch) oder “LPG” (deutsch) arbeiteten und lebten - einer Landwirtschaftlichen Produktionsgenossenschaft, der kollektiven Organisationsform aus Zeiten des Kommunismus. Jetzt, da alles zu Ruinen verfällt, das Unkraut den Hof überwuchert…

Paweł hat 46 Jahre lang in dem Betrieb gearbeitet. Es war schwer, aber es gab auch gute Zeiten. Vor allem aber Arbeit und ein wenig Geld am Ende des Monats. In den 70ern erlebte der Betrieb seinen Höhepunkt: über 2000 Hektar, 80 Kühe usw. Unter dem neuen Regime wurde Mitte der 90er die Genossenschaft dann geschlossen und stellte den Betrieb ein. Die meisten Familien haben die Gegend verlassen, um Arbeit zu finden. Diejenigen, die geblieben sind, haben oft keine Arbeit mehr. Paweł selbst lebt immer noch im selben Haus. Seit 1948. Das Haus einer alten Dame, einer Deutschen, die “rüber” gegangen ist. Ob er zufrieden sei, dass die Deutschen den Betrieb wieder in die Hand nehmen? Tja, man müsse die Zeiten nehmen, wie sie kommen, außerdem hätten die Polen sowieso nicht genügend Geld, um den Betrieb wieder aufzunehmen. Er schlägt mir vor, seine große Schwester zu besuchen, im Nachbarort Nowe Czaple. Sie kenne die ganze Geschichte genau und werde sie mir besser erzählen können.

Bevor ich fahre, erkläre ich Paweł, dass das Team von Veloblog unterwegs Begegnungstage organisiert, einen davon in Stettin am 25. August. Paweł hat dort oben Kinder. Er wird ihnen davon erzählen. Vielleicht lernen wir uns ja Ende August kennen? Das wäre prima. Vor allem, wenn die Familie wie Paweł ist. Wirklich ein netter Typ!



Jul
26
Einsortiert unter (Allgemein) von traduction.allemand am 26.07.2007

Dieses Mal sind die Männer da, als ich in den riesigen, von Gras überwucherten Hof der Landwirtschaftsgenossenschaft (1, 2) in Pustków einbiege.

Frederik erzählt mir als erster die Geschichte des Ortes. Frederik ist 18 und kommt aus Braunschweig, in Westdeutschland. Seine Eltern besitzen dort einen 70 Hektar großen Bauernhof. Aber sie mussten sich vergrößern, damit sich auch der ältere Bruder niederlassen konnte. “Mein Papa wollte schon immer Land in Polen kaufen, und das war die Gelegenheit. Denn bei uns ist es zu teuer und in Ostdeutschland ist der Boden nicht besonders gut”, erzählt mir der junge Mann. Und erklärt mir dann, dass sie die Genossenschaft mit ihren 120 Hektar Land für 150 000 Euro gekauft haben. Am 15. September 2004. “Es war eine Versteigerung. Mein Onkel war mit dabei, um uns zu helfen, denn wir selbst sprechen kein Polnisch.” Der Ankauf war möglich dank des Passes der Mama, die ursprünglich aus der Nähe von Opole kommt, aber seit rund dreißig Jahren in Deutschland lebt. Und die Familie Brandes würde gern noch mehr Land erwerben: “Heutzutage braucht man um die 500 Hektar, um anständig leben zu können”, erklärt mir Frederik. “Aber in dieser Gegend hier ist es wirklich schwierig. Zuerst sind immer die Polen dran. Es gibt ziemlich viel Korruption.”

Die Brandes nehmen sich vor den Polen in Acht. “Sie haben keine Arbeit, aus diesem Grund bestehlen sie andere.” Und er zeigt mir ihren neuen Traktor, dessen rechter Rückspiegel verschwunden ist, genauso wie die Rücklichter… “Hier gibt es nur Banditen!” warnt mich der Papa von Frederik (56 Jahre). Seine zwei Töchter helfen ihm gerade dabei, das Gebäude zu sichern, in dem die landwirtschaftlichen Maschinen überwintern werden… Frederik fragt sich, warum die Polen so sind. “Vielleicht ist es der Kommunismus, die Leute haben nicht für sich gearbeitet, daher…” Ob sie Kontakt zu Polen hätten? Noch nicht. Nur zum Einkaufen. “Lebensmittel, Benzin, Zigaretten, das ist hier wirklich billiger.” Der ältere Bruder, der vorhat, sich hier niederzulassen, lernt schon Polnisch. Letzten Endes wird man sich eben doch integrieren müssen… sich selbst oder die Polen!



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