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Das Treffen ist für neun Uhr auf der Brücke, die Görlitz und Zgorzelec verbindet, angesetzt. Ungefähr zwanzig junge Deutsche und Polen sind taufrisch und gut ausgerüstet gekommen, um gemeinsam dieses neue Abenteuer zu beginnen. Sie fahren auch die Oder-Neiße-Grenze hoch. Jedoch um einiges sportlicher als das Veloblog: 50 bis 70 Kilometer stehen täglich auf dem Programm. Da sage noch einer, die Jugend sei faul! Gestern Abend haben die Organisatoren vom Verein Wir-My noch die letzten Details geregelt. Janusz, der aus Frankfurt/Oder-Słubice gekommen ist, ist zur Gruppe dazugestoßen, um die Übersetzungen während der Reise zu gewährleisten. Den Kühlschrank und das Gepäck der Teilnehmer nimmt Klaus in seinem Transporter mit, die Teilnehmer setzen ihre Helme auf. Alle sind soweit, ein kleiner Schwatz und dann wird zur Abfahrt gepfiffen! Dieser erste Tag gibt den Ton an. Seinen Ausweis auspacken, einpacken, wieder auspacken. Die Jugendlichen passieren die Grenzposten einen nach dem anderen: von Görlitz nach Zgorzelec (1), dann zur neuen Brücke in Pieńsk (1), der Posten von Podrosche/Przewóz und endlich der von Bad Muskau. Einige geben zu, dass sie nicht mehr genau wissen, auf welcher Seite sie sich befinden! Und das ist das Ziel: zu zeigen, dass die Grenze vor allem willkürlich ist. Micha, der Vorreiter des Abenteuers, ist in seiner Jugend selbst viel in Grenzregionen unterwegs gewesen und hat auf diesen internationalen Reisen Erfahrungen gesammelt. Die Begeisterung und die Offenheit des Geistes, die er daraus mitgenommen hat, hofft er den Jugendlichen, die sich auf dieses Abenteuer eingelassen haben, weitergeben zu können. Die meisten der deutschen und polnischen Teilnehmer sind zwischen 14 und 18 Jahre alt, kommen aus Görlitz und Zgorzelec oder deren Umgebung und haben oft durch ihre Schule von dem Fahrradprojekt erfahren. Es gibt wohl nichts praktischeres, als danach Erinnerungen auszutauschen, schöne Erlebnisse genauso wie die Augenblicke der Erschöpfung. Es genügt, einen Grenzposten zu passieren, so oder so, um sich auf der eigenen oder der anderen Seite der Grenze wieder zu treffen… Zum Wohlgefallen der Organisatoren (1, 2)! Letztere haben auf dem Weg Kulturetappen ausgeheckt. An diesem ersten Tag wird erklärt, was mit der Gemeinde von Tormersdorf geschehen ist, die am Ende des Zweiten Weltkrieges von der Karte gestrichen wurde. Einige Kilometer weiter nördlich, in Rothenburg, informiert sie der Pfarrer von Martinshof kurz und bündig über die Geschichte des Ortes. Ein Zentrum für Behinderte, das während des Dritten Reiches teilweise evakuiert wurde, danach ein jüdisches Ghetto, in dem sich ungefähr 700 Menschen aufhielten, von denen ein großer Teil später in Konzentrationslager gebracht wurde. Nach dem Krieg wurde dieses stark zerstörte Zentrum der Protestantischen Kirche übergeben. Heute nimmt Martinshof wieder Behinderte und alte Menschen auf und erinnert sich. Unterwegs wird den Jugendlichen so die Geschichte der Region erzählt, über die Kilometer verteilt und immer in zwei Sprachen, wobei sich Janusz sowohl um die deutsche als auch die polnische Übersetzung kümmert. Die Sprache des anderen wird mehr oder weniger gut gemeistert: einige sind in zweisprachigen Familien aufgewachsen, andere sprechen eine Sprache zu Hause, die andere in der Schule. Und einige beherrschen nur ihre Muttersprache. Aber das ist nicht weiter tragisch, im schlimmsten Fall kann man sich immer noch auf englisch oder mit Händen und Füßen verständigen! Am Ende des Tages sind alle etwas erschöpft von den gefahrenen 70 Kilometern und freuen sich auf das angekündigte Grillen (1, 2). Die Versorgung wird von der benachbarten Turmvilla sicher gestellt, wo die Gruppe die Nacht verbringen wird. Aber Wojtek begnügt sich nicht damit zu kochen: er führt die Jugendlichen quer durchs Gehölz und zeigt ihnen die Überreste der Kutschig-Mühle an der Neiße, ungefähr zehn Kilometer südlich von Bad Muskau. Ein berühmter Erholungsort im 19. Jahrhundert, heute ziemlich verlassen… Das Wasserwehr selbst ist verschwunden, aber das Baden ist immer noch möglich und die Jugendlichen lassen sich das nicht entgehen! Eine Brille verschwindet einen Moment im Wasser… um kurz darauf wieder aufzutauchen. Die Atmosphäre ist ausgelassen und so wird die ein oder andere Bekanntschaft geschlossen, trotz verschiedener Sprachen, Räder und anderer Unterschiede. Die kleine Gruppe wird sicher voller Erinnerungen zu ihrer ersten Herberge, der Turmvilla in Bad Muskau, zurückkehren. Es ist ein kleines zweisprachiges Tagebuch vorgesehen. Und um die Interaktivität dieser kleinen Welt auf beiden Seiten der Grenze zu unterstützen, öffnet sich das Veloblog den Jugendlichen: sie alle sollen sich auf Veloblog äußern, Eindrücke austauschen, in der eigenen oder der anderen Sprache… Einfach die “Kommentar”-Funktion benutzen. Unsere Wege trennen sich nun, ich nehme wieder meinen Schneckenrhythmus auf, aber: Euch allen eine gute Reise! Ich hoffe, Klaus am Steuer seines Transporters auf seinem Rückweg wieder zu treffen. Er wird mir sicher von euren nächsten Abenteuern entlang der Neiße und Oder erzählen… Vielen Dank allen Mitstreitern, die hierher gekommen sind, für ihre Freude, gute Laune und netten Worte! Die Personen, die bei dem Begegnungstag dabei waren, können selbstverständlich unten ihre Kommentare hinzufügen, wenn sie möchten! Es ist jetzt schon ziemlich spät. Während ich schreibe, haben sich alle schon schlafen gelegt, kostenlos aufgenommen in der WG von Steffen vom Verein Wir°My, dem Partnerverein, mit dem das Abenteuer gleich morgen weitergeht, Richtung Bad Muskau, ungefähr 60 Kilometer nördlich von Görlitz-Zgorzelec. Hier schreibt T.1 Es war ein schöner erlebnisreicher Abend, der durch sein reichhaltiges Programm viel Freude und Spaß bereitet hat. Sowohl die künstlerischen Darbietungen als auch die Monkey Brains sorgten für einen gelungenen Begegnungstag, an dem neben Polen, Deutschen und Franzosen noch weitere Nationen teilnahmen. Ich hoffe, der nächste Begegnungstag am 11.08. in Frankfurt an der Oder wird ebenso ein Erfolg. Weiterhin eine gute Reise und viel Spaß bei diesem abwechslungsreichen Projekt. Viele Grüße, T.1 Frank J.: Eine Stadtrallye (2, 3, 4), organisiert vom Verein Wir°My, ein Schauspiel-Event, aufgeführt vom Verein Deltoidea, sowie ein Pantomimenstück von Barbara und Elkin zum Thema Grenze (1, 2), das Ganze gefolgt von einem Konzert der MonkeyBrains (1, 2, 3, 4): so war das Programm angekündigt und so geschah es. Das, was ich selbst von diesem ersten Begegnungstag in Erinnerung behalten werde, ist die wachsende Interaktivität des Veloblogs. Meine ursprüngliche Idee, “soziale Verbindungen zu knüpfen”, scheint doch nicht so skurril zu sein und nimmt langsam Form an. Das zeigen die Emails, die ich erhalte: anscheinend interessieren sich immer mehr Menschen für das Veloblog. Dazu ein kleiner Hinweis von mir: viele Bemerkungen und Fragen, die mir gestellt werden, wären sicher auch für andere Lesende/Schreibende des Veloblogs interessant. Zögert also nicht und benutzt die “Kommentar”-Funktion, um eure Anmerkungen zu schreiben. So habt ihr auch die Chance, verschiedene Antworten zu erhalten und nicht nur meine… Genauso zeigt das auch die Anwesenheit von Menschen, die ich auf dem Weg getroffen habe, an diesem Freitag in der Neißegalerie. Ob das nun Frau Meusel vom Kloster Sankt Marienthal ist, meine bezaubernden Gastgeber in Görlitz oder Barbara und Elkin, die ich in Großhennersdorf getroffen habe, für mich war es zauberhaft, diese Personen an einem Ort vereint zu sehen. Genauso zauberhaft war es, ihnen einen Teil des Veloblog-Teams an Ort und Stelle vorstellen zu können. Ich glaube, es sind diese verknüpften Bekanntschaften, die mich am stärksten fasziniert haben. Ich muss sagen, für jemanden, der nicht für’s Organisieren schwärmt, hatte ich davon genug! Von morgens bis abends musste ich mich um einen reibungslosen Ablauf kümmern und den Wünschen der Presse nachkommen. Natürlich habe ich auch Spaß daran gefunden und mich so arrangiert, dass ich soweit wie möglich dem angebotenen Programm folgen konnte. Dennoch konnte ich der Versuchung nicht widerstehen, die interaktive Karte auszuspielen, und habe das Blog denen geöffnet, die in Görlitz waren (1, 2). Dieses Mal sind sie es, die euch in ihrer Muttersprache vom Begegnungstag erzählen, so wie sie ihn erlebt haben! Der Tag wird lang werden, aber Helga und Eberhard haben mir ein Superfrühstück in ihrem Garten bereitet: ihre Gastfreundlichkeit ist wirklich fantastisch, ich kann das Haus nur allen Durchreisenden der Region empfehlen! Und es ist jetzt sicher, meine zwei Gastgeber werden heute Abend mit von der Partie sein, beim Begegnungstag in der Neißegalerie. Aber vorher muss ich mich eiligst auf den Weg machen: Helga hat ihrem Chef vom Veloblog erzählt, und jetzt erwartet mich der Direktor des Schlesischen Museums in seinem Büro. Markus Bauer hat begonnen, sich für Schlesien zu interessieren, nachdem ihn die Tatsache geärgert hatte, dass selbst in den 80er Jahren das Thema noch zum alleinigen Jagdrevier der konservativen Rechte gehörte. Der ausgebildete Historiker zeigt sich meinen Fragen ziemlich aufgeschlossen und erzählt mir die Geschichte des Schlesischen Museums. Alles beginnt mit dem Wieso und Warum sich das Museum in Görlitz befindet: “eine sehr politische Frage”, warnt mich Markus Bauer, der Direktor des Museums, gleich zu Beginn. “Man ist sich nicht einig darüber, ob Görlitz zu Schlesien gehört oder nicht.” Und er erklärt mir die Beziehungen innerhalb der Region Oberlausitz, zu der Görlitz und Schlesien gehören, im Detail, nachdem wir einmal über Napoleon hinaus sind. Dann stellt mir der Museumsdirektor den Vorgang dar, der zur Eröffnung eines Museums über Schlesien führte: “Alles begann in den 50er Jahren, mit den aus Schlesien vertriebenen Deutschen, aus einem Gebiet, das heute zu Polen gehört. Die Schlesier, wie man sie nennt, haben in den neuen deutschen Städten, in die sie vertrieben wurden, sogenannte “Heimatstuben” gegründet. Man traf sich zu Hause oder in einem Café… oft gemäß dem Herkunftsort. So gab es zum Beispiel in Köln eine Heimatstube der großen Gemeinde aus Breslau (Wrocław). In den 70ern entwickelte sich eine Debatte über die Zukunft der Heimatstuben und anderer kleiner örtlicher Museen, die sich der schlesischen Kultur widmeten: was sollte aus ihnen nach der ersten Generation von Vertriebenen werden?” So entstand der Wunsch, ein zentrales Museum zu eröffnen. Zu Beginn war Hildesheim, nicht weit von Hannover, im Gespräch, da in dieser Region viele Schlesier leben. Dann wurde Gerhard Schröder an der Spitze von einer rot-grünen Koalition Ministerpräsident von Niedersachsen und setzte dem Projekt ein Ende. “Das Museumskonzept war damals ziemlich fragwürdig, da es die Schlesier als ein Volk im Exil darstellte”, bemerkt Markus Bauer. “Ein Museum für zeitgenössische schlesische Kunst stand auch auf dem Plan, hätte die schlesische Gemeinschaft aber stärker als alles andere in sich selbst abgeschottet. Die Kinder der Schlesier fühlen sich aber nun vor allem bayrisch, sächsisch usw.” Kurz, das Projekt für ein Museum in Hildesheim ist ins Wasser gefallen. Die Idee für ein zentrales Museum über Schlesien wurde nach der deutschen Wiedervereinigung 1990 wieder aufgenommen und in Görlitz wurde ein Verein gegründet, der rasch die Unterstützung von Seiten des Bundes erhielt und nach einigen Diskussionen auch die des Landes Sachsen. 1994 wurde eine Stiftung ins Leben gerufen, 1999 begannen die Arbeiten und letztes Jahr wurde das Museum eröffnet. “Viele Schlesier, die am Ende des Zweiten Weltkrieges vor der Roten Armee geflohen waren, sich hier auf der anderen Seite der Neiße niedergelassen hatten und vorhatten, in ruhigeren Zeiten wieder in ihre Herkunftsregion zurückzukehren, haben ihre Unterstützung gezeigt, oder sagen wir besser, ihre Kinder haben ihre Unterstützung gezeigt”, berichtet Markus Bauer. Kurz, das Schlesische Museum scheint in Görlitz auf dem Marktplatz willkommen zu sein. Laut dem Direktor “Heimatmuseum”. Die Sammlung des Museums erlaubt es, die schlesische Kultur und Geschichte der letzten 100 Jahre zu zeigen. “Wir haben viele Schenkungen von Schlesiern erhalten”, erklärt Markus Bauer. “Viele haben ihre Haustürschlüssel aufbewahrt, die Kleidung, die sie beim Übertritt über die Grenze trugen, ihre Koffer, usw. Und oft wollen die Kinder nichts mehr über Schlesien hören, sie, die während ihrer gesamten Kindheit gehört haben, wie schön Schlesien ist, wie traumatisierend die Vertreibungen waren, usw.” Ergebnis: die Erinnerungsstücke landen in der Sammlung des Schlesischen Museums. “Das Museum hat sich zwei Schwerpunkte gesetzt”, führt Markus Bauer genauer aus. “Zum einen wollen wir den Kontakt zu den Schlesiern pflegen, die seit 1945 in Deutschland leben, und zum anderen den zu den Polen, die diese Region nach dem Krieg wieder besiedelt haben und die oft selbst aus der Grenzregion zwischen Polen und der Ukraine vertrieben wurden. Wir wollen ihnen Zeit geben, sich in der Region zu Hause zu fühlen, nachdem sie lange Zeit Angst, vor einer Rückkehr der Deutschen hatten. Aber jetzt ist das Interesse für die Geschichte von Schlesien da!” Kann man ab diesem Zeitpunkt von einem gewissen grenzübergreifenden Bewusstsein sprechen, Schlesier zu sein? “Schwer zu sagen”, antwortet mir Markus Bauer. “Aber manchmal, bei Treffen zwischen ehemaligen Schlesiern und neuen Bewohnern des jetzt polnischen Gebietes, vermischen sich die Erinnerungen. Einige stellen fest, dass sie auf die selbe Schule gegangen sind, in der selben Straße gewohnt haben, usw. Daher kann man von einer gewissen Einheit über die Grenzen hinweg sprechen. Aber es ist noch nicht sehr weit verbreitet.” Ein Besuch der Museumssammlungen, die auf deutsch und polnisch gezeigt werden, würde es sicher erlauben, mehr zu erfahren! Ich muss wirklich wiederkommen…warum nicht diesen Winter, um die Ausstellung über das schlesische Porzellan zu sehen!
Feierabend: ich steuere auf Klingewalde nördlich von Görlitz zu. Dort erwarten mich Eberhard und seine Frau Helga. Ein Treffen, das sich am Mittag an einem Scheideweg ergeben hat. Als ich am Ortsausgang von Ostritz am Straßenrand meinen Kurs überprüfte, hat Eberhard mich angesprochen um mich zu fragen, ob ich schon ein “Quartier” - das heißt eine Unterkunft - hätte, wo ich die Nacht verbringen könnte. Und ich erklärte ihm, dass ich jedes Mal versuche, die Nacht bei Einheimischen zu verbringen, um so die Gegend besser kennen zu lernen usw. usw. Eberhard sagt mir, dass er mit seiner Frau eine Pension betreibe, dass ich ohne Probleme mein Zelt bei ihnen im Garten aufschlagen könne und dass in der Pension sowieso Zimmer frei wären. Kurz, ich bin willkommen! Unglaublich, als ob dieser Eberhard vom Himmel gefallen sei! Als ich in Klingewalde angekommen bin, werde ich königlich empfangen: wir verbringen den Abend zu dritt bei einem Glas Wein und diskutieren, teilen unsere jeweiligen Erfahrungen. Helga und Eberhard interessieren sich für den Veloblog, wir schauen zusammen die Fotos an. Sie begeistern sich für das Projekt und raten mir, zur Sächsischen Zeitung und zu Radio Lausitz zu gehen, um den morgigen Tag anzukündigen: ein Ratschlag, der sich als nützlich erweisen wird… Danach sprechen wir über die Tour de France, Eberhard ist Zweiradfan. Als “Kind von Görlitz” kennt er die Gegend bestens, sowohl die deutsche als auch die polnische Seite, denn er hat sie mit dem Rad durchfahren. Und es beginnt ein Gespräch über Schlesien, seine Geschichte und seine Kultur. Helga arbeitet in der Verwaltung des neuen Schlesischen Museums in Görlitz! Dort kann man alles Revue passieren lassen: die alten Schlesier, die sich nach Polen begeben, um zu sehen, was aus ihren Häusern geworden ist, in denen sie wohnten, bevor sie 1945 vertrieben wurden, sowie die anderen, die dem Museum das spenden, was ihnen von einst geblieben ist. Es gibt so viel zu sehen und zu lernen… ja, ich muss wiederkommen!
Nachdem ich mich mit der Partnerorganisation “Wir°My” getroffen habe, um die letzten Vorbereitungen für die Rallye in Görlitz-Zgorzelec zu treffen, mich in der Neißegalerie vorgestellt habe und beim Flyer Verteilen mehrfach die Frage zu hören bekam “Sind Sie die Französin von der Zeitung?”, sitze ich jetzt einem jungen Kommunikationstrainer gegenüber, Jörg Heidig, Diplom-Kommunikationspsychologe und Mitarbeiter des Instituts für Kommunikation, Information und Bildung” in Görlitz. Der junge Intellektuelle war mir von Rebecca empfohlen worden - meiner ersten Gastgeberin in Großhennersdorf - weil er gerade seine Doktorarbeit darüber schreibt, wie sich Deutsche, Polen und Tschechen selbst und gegenseitig einschätzen. Der Blick des Anderen auf den Anderen in der Euroregion Neiße, auf Grundlage einer Stichprobe von fünfzehn bis zwanzig Personen pro Land. “Mein Ziel ist es, das Verständnis und damit die Kommunikation zwischen den drei Ländern zu verbessern”, so Jörg Heidig. “Im Moment gibt es zwar Kooperationen, aber die sind mehr oktroyiert als spontan.” Derzeit steht er am Anfang der Empiriephase seiner Dissertation und befragt die Deutschen über ihr Bild von sich selbst, den Polen und den Tschechen. “Man findet wirklich die alten Stereotypen wieder, wie etwa, dass die einen wie die anderen arm, aber herzlich und gastfreundlich sind. Viele Deutsche fühlen sich den Tschechen näher als den Polen. Vielleicht, weil die Tschechen lange im deutschen Sprachbereich gelebt haben”, meint Jörg Heidig. Nach den ersten Interviews scheint der EU-Beitritt Polens und Tschechiens im Mai 2004 zwiespältig beurteilt zu werden. “Die einen finden es gut, seit der EU-Erweiterung weniger am Rand zu leben, die anderen fürchten einen Anstieg der Kriminalität, des Drogenhandels und der Autodiebstähle.” Und auf die Frage, ob eines Tages die Grenze verschwinden wird, bekommt er oft ein Nein, denn die Sprachbarriere bleibe ja sowieso…
…war ein Lech, ein kleines, da die Sonne heiß brannte! Zusammen mit den drei polnischen Radfahrern, die ich unterwegs getroffen habe, bin ich in Zgorzelec angekommen. Es sind Mirek und seine Kollegen von der Notaufnahme eines Krankenhauses in Zgorzelec. Ich stottere ein bisschen auf polnisch und lerne, dass Lech, dessen riesige 0,66l-Flaschen praktisch an jeder Ecke serviert werden, aus Poznan kommt.
Jetzt schreibe ich gerade aus dem “Ratskeller”, dem ehemaligen Restaurant des Rathauses. Das Haus, derzeit unbewohnt - das heißt “zu vermieten” - liegt am Rathausplatz von Ostritz. Es ist schon eine eigenartige Erfahrung, jede Nacht woanders zu schlafen, von einem Kloster zu einem leer stehenden Haus zu wechseln. Ziemlich fasziniert von diesem Ort habe ich einen kleinen Rundgang gemacht, mit dem Fotoapparat in der Hand… Bilder (2, Den Schlüssel zu diesem Haus bekam ich freundlicherweise gestern von Gregor Glodek, der im Vereinshaus der kleinen Stadt sitzt und mir gerne deren Aktivitäten vorstellt. “Alles fing kurz nach der Wiedervereinigung an, ausgehend von persönlichen Kontakten, die auf beiden Seiten der Grenze bestanden”, erklärt er mir. “Wir wollten die bestehenden Grundannahmen besiegen, die alten Vorurteile so weit wie möglich auslöschen.” Heute vereinigt das Vereinshaus mehrere Initiativen zur Kooperation zwischen den Nachbarländern unter seinem Dach. Hier ist der deutsch-polnische Kindergarten “Kinderhaus St. Franziskus” mit etwa zehn Kindern aus beiden Ländern, dort ein deutsch-polnisches Theater, das in beiden Sprachen 7-14jährigen Kindern die Kunst der Pantomime beibringt. Und das ist noch lange nicht alles! Einmal im Jahr fährt Gregor Glodek mit etwa zehn deutschen Gymnasiasten nach Polen, um mit dem Segelboot die Region Masuren zu erkunden. “Ohne es wirklich zu merken, bekommen die Jugendlichen auf diese Weise ein anderes Bild von Polen. Sie sehen es nicht mehr nur durch die Ramschläden entlang der Grenze, sondern entdecken es aus dem Inneren heraus.” Schließlich organisiert das Vereinshaus Ostritz seit mehr als zehn Jahren die berühmten “Europawanderungen”: um die 40km, um in 3 bis 4 Stunden die drei benachbarten Länder Deutschland, Polen und Tschechische Republik zu entdecken. “Unser Ziel ist es, die Region als Einheit zu präsentieren, die Bewohner einzuladen, miteinander statt nebeneinander zu leben”, antwortet Gregor auf meine Frage nach dem Warum des Wie. “Der Fluss soll seine ursprüngliche Funktion wieder bekommen, uns zu verbinden und nicht zu trennen.” Und er fügt hinzu: “Wir haben mit einer Handvoll Leuten begonnen, und jetzt kommen fünf- bis sechshundert Teilnehmer aus ganz Deutschland mit uns!” 2003 bekamen die Wanderer sogar eine Sondergenehmigung, die Neiße bei Hagenwerder (nördlich von Ostritz) zu überqueren, obwohl die fragliche Brücke noch nicht in Betrieb war… Gregor Glodek ist der einzige Vollzeitmitarbeiter des Vereinshauses für die Organisation all dieser Aktivitäten. Seine vielen Partner sind ehrenamtlich tätig, und wenn er auch nicht direkt den Wunsch danach äußert, so scheint er doch keineswegs abgeneigt zu sein, einige richtige Kollegen zu bekommen, um den Berg an Arbeit zu bewältigen…
Kleine organisatorische Pause: schließt Euch für eine Weile dem Veloblog an, in der Doppelstadt Görlitz-Zgorzelec, dort erwartet Euch ein furioses Programm (mit einem kleinen Klick oben links auf “Detailliertes Programm” erfahrt Ihr mehr). Alles ist kostenlos, aber kleine, liebevoll zubereitete Speisebeiträge sind sehr willkommen… für das Selbstversorgerbuffet des Abends! Bemerkenswert: Elkin und Barbara, die ich in Großhennersdorf getroffen habe (siehe den Artikel über das Begegnungszentrum), kommen auch und werden eine Pantomimevorführung zum Thema “Grenze” darbieten… Mehrere der Menschen, die ich auf der Reise getroffen habe, von den Schweizern aus Zittau bis zum Dönermann aus Ostritz, werden auch da sein… Also warum nicht auch Ihr? Treffpunkt im Forum der Website für Fahrgemeinschaften und geteilte Bahntickets. Gute Fahrt und bis bald: Ich muss mich jetzt auch auf den Weg machen. |