Jul
26
Einsortiert unter (Allgemein) von traduction.allemand am 26.07.2007

Als ich tapfer weiterradelte, um den nächsten Grenzposten (kurz hinter dem Dorf Olszyna) zu erreichen und wieder nach Deutschland hinüber zu fahren, konnte ich der Versuchung einer Kaffeepause nicht widerstehen, was einige sicher verstehen werden…

Ich machte also Halt in einem Lokal am Rande der Straße, die ich entlang fuhr. Und erst, als sie mich zu sich an den Tisch einluden, bemerkte ich, dass Eva und Aischa eine “etwas andere Arbeit” machen. Zwei sehr nette Mädchen, die eine Polin (23), die andere Bulgarin (32), die mich warnen. Viele Mädchen warten auf der Straße auf ihre Kunden und die Zuhälter sind nicht weit. Ich solle aufpassen und mir möglichst schnell eine Unterkunft für die Nacht suchen. Die Mädchen erzählen mir von ihren Abenteuern und Missgeschicken im Rotlichtmilieu. Auch hier werden Deutsche und Polen verglichen. Die Deutschen kommen übers Wochenende, um sich zu amüsieren, und zahlen gut. Vor den Polen müsse man sich in Acht nehmen, sie seien manchmal gewalttätig. Aber Eva fügt hinzu, dass sie nichts gegen Polen habe, sie sei ja selbst Polin. Nur sei die Gegend “dafür” bekannt.

Zwei Männer kommen auf uns zu und unterbrechen unsere Unterhaltung. Sie schlagen den Mädchen vor, für sie anschaffen zu gehen. Fifty-fifty für ein Zimmer und eine Internetseite. Telefonummern werden ausgetauscht. Aber als die Burschen weg sind, sagen mir die Mädchen, dass sie lieber zusammen und auf eigene Rechnung arbeiten. Das ist sicherer.

Erneut kommen Autos an. Zeit für mich, mich wieder auf den Weg zu machen. Mädchen, passt ihr auch auf euch auf. Und vielen Dank für die gemeinsame Kaffeepause!



Jul
26
Einsortiert unter (Allgemein) von traduction.allemand am 26.07.2007

Immer noch auf polnischer Seite fahre ich weiter meines Weges. Bis zum Nachbarort Nowe Czaple, zum Treffen mit Pawełs großer Schwester Gertruda Kaminska. Sie ist 75, ebenfalls in Topform, mit lachenden Augen und vor allem voller Geschichten von früher!

Auch sie erzählt vom Krieg, vom Papa ukrainischer Herkunft, der als deutscher Soldat in den Krieg gezogen ist, von der Mama, die mit den sechs Kindern in der Heimat geblieben ist, und danach von der Front. Neun Wochen Front und viele Tote. “Die polnischen Soldaten sind anschließend gekommen und haben gesagt, dass diejenigen, die wollen, die Neiße überqueren könnten. Wir sind unserer Mutter gefolgt, sie meinte, so sei es besser, um den Vater wiederzufinden, der von der Front kam.” Nach dem Wiedersehen beschloss der Vater, “in die Heimat zurückzukehren”, also die Neiße in die Gegenrichtung noch einmal zu überqueren. “Vielleicht hat er es im Nachhinein bereut, denn bei uns in Polen war es schwieriger als in Ostdeutschland”, sagt Gertruda. Auch sie musste sich anpassen, polnisch lernen, usw.

Und sie erinnert sich an ihre Schwester, die die Unruhen im Zusammenhang mit dem Volksaufstand 1953 in Ostdeutschland und der sowjetischen Unterdrückung ausnutzte, um nach Westdeutschland zu fliehen. “Ich konnte sie das erste Mal 1971 besuchen und konnte nicht schlafen”, erinnert sie sich. “Die Menschen standen Schlange, um in den Geschäften einzukaufen, sie konnten alles kaufen, während bei uns die Regale immer leer waren! Das hat mich angewidert, es hat mich krank gemacht!”

Die Zeiten waren schwierig, Gertruda wird nicht das Gegenteil behaupten. Sie hat ebenfalls lange in der Genossenschaft gearbeitet. Als Köchin. “Wir hatten nicht viel, aber wenigstens etwas Geld am Ende des Monats. Heutzutage findet kein Mensch mehr Arbeit!”, erhebt Gertruda die Stimme. “Ach, erzählen Sie mir nichts von unseren Politikern! Sie kochen da oben ihr Süppchen und wir, die kleinen Leute, können nichts machen!” Ich lasse mir das polnische Sozialsystem erklären: Sechs Monate lang gibt es für die Arbeitslosen, die nicht dreimal in Folge ein Stellenangebot ausgeschlagen, eine finanzielle Unterstützung. Danach nichts mehr. Kein RMI wie in Frankreich, kein Hartz IV wie in Deutschland. Nur noch Durchbeißen, Schwarzarbeit, Gartenanbau zur Selbstversorgung.

Gertrudas Sohn, der den kleinen Familienbetrieb wieder aufgenommen hat, ist selbst arbeitslos. “Er baut zwar seine Kartoffeln an, aber entweder kann er sie gar nicht verkaufen, oder es bringt ihm nichts ein.” Die Familie begrüßt die europäischen Subventionen, die seit drei Jahren fließen, wundert sich aber, warum die Polen weniger erhalten als die anderen europäischen Landwirte.

Sie hat so einige Geschichten erlebt, die Gertruda! Sie könnte mir davon den ganzen Nachmittag erzählen. Aber der Versuchung zum Trotz, ihr noch ein paar Stunden zu lauschen, entscheide ich mich, weiter zu fahren: Ich möchte heute gern noch so zwanzig Kilometer schaffen!



Jul
26
Einsortiert unter (Allgemein) von traduction.allemand am 26.07.2007

Trotz seines hohen Alters steigt Paweł Szumało immer noch mit den anderen aufs Gerüst, um ihnen zur Hand zu gehen. Mit seinen 70 Jahren kann er so einige Geschichten über die landwirtschaftliche Produktionsgenossenschaft in Pustków erzählen!

Paweł erinnert sich an den Krieg, an die Deutschen, die auf dem Hof der Genossenschaft waren, und an die Russen, die ankamen. Neun Wochen lang standen sich die Truppen gegenüber. Dort, gleich nebenan im Wald, daran erinnert sich Paweł, der damals acht war, genau. Danach haben die Deutschen den Rückzug in Richtung Neiße angetreten. Und die Russen sind in die Genossenschaft eingedrungen. Zu dieser Zeit lebten hier mehrere Familien. “Vor allem Polen und Ukrainer, wie meine Eltern. Sie sind gekommen, um in Deutschland zu arbeiten”, sagt mir Paweł. “Wir hatten uns alle im Keller versammelt, und als die Russen eine Handgranate in den Hof werfen wollten, haben wir ihnen gesagt, dass wir keine Deutschen sind!” Was für ein Glück, dass Paweł noch da ist, um mir die Geschichte erzählen zu können. “Die Russen? Sie haben uns gefragt, ob sie noch weit von Berlin entfernt seien.”

Gemeinsam machen wir in der Sonne einen Rundgang durch die Örtlichkeiten. Hier die Ställe für die Kühe, dort die der Schweine. Weiter entfernt befinden sich die Tankstelle und die Werkstatt, in der man sein Auto reparieren lassen könnte. Die Wohnungen und das Haus, in dem der Dünger verteilt wurde. Es ist schwer, sich diesen Ort belebt vorzustellen, die Personen, die hier in der “PGR” (polnisch) oder “LPG” (deutsch) arbeiteten und lebten - einer Landwirtschaftlichen Produktionsgenossenschaft, der kollektiven Organisationsform aus Zeiten des Kommunismus. Jetzt, da alles zu Ruinen verfällt, das Unkraut den Hof überwuchert…

Paweł hat 46 Jahre lang in dem Betrieb gearbeitet. Es war schwer, aber es gab auch gute Zeiten. Vor allem aber Arbeit und ein wenig Geld am Ende des Monats. In den 70ern erlebte der Betrieb seinen Höhepunkt: über 2000 Hektar, 80 Kühe usw. Unter dem neuen Regime wurde Mitte der 90er die Genossenschaft dann geschlossen und stellte den Betrieb ein. Die meisten Familien haben die Gegend verlassen, um Arbeit zu finden. Diejenigen, die geblieben sind, haben oft keine Arbeit mehr. Paweł selbst lebt immer noch im selben Haus. Seit 1948. Das Haus einer alten Dame, einer Deutschen, die “rüber” gegangen ist. Ob er zufrieden sei, dass die Deutschen den Betrieb wieder in die Hand nehmen? Tja, man müsse die Zeiten nehmen, wie sie kommen, außerdem hätten die Polen sowieso nicht genügend Geld, um den Betrieb wieder aufzunehmen. Er schlägt mir vor, seine große Schwester zu besuchen, im Nachbarort Nowe Czaple. Sie kenne die ganze Geschichte genau und werde sie mir besser erzählen können.

Bevor ich fahre, erkläre ich Paweł, dass das Team von Veloblog unterwegs Begegnungstage organisiert, einen davon in Stettin am 25. August. Paweł hat dort oben Kinder. Er wird ihnen davon erzählen. Vielleicht lernen wir uns ja Ende August kennen? Das wäre prima. Vor allem, wenn die Familie wie Paweł ist. Wirklich ein netter Typ!



Jul
26
Einsortiert unter (Allgemein) von traduction.allemand am 26.07.2007

Dieses Mal sind die Männer da, als ich in den riesigen, von Gras überwucherten Hof der Landwirtschaftsgenossenschaft (1, 2) in Pustków einbiege.

Frederik erzählt mir als erster die Geschichte des Ortes. Frederik ist 18 und kommt aus Braunschweig, in Westdeutschland. Seine Eltern besitzen dort einen 70 Hektar großen Bauernhof. Aber sie mussten sich vergrößern, damit sich auch der ältere Bruder niederlassen konnte. “Mein Papa wollte schon immer Land in Polen kaufen, und das war die Gelegenheit. Denn bei uns ist es zu teuer und in Ostdeutschland ist der Boden nicht besonders gut”, erzählt mir der junge Mann. Und erklärt mir dann, dass sie die Genossenschaft mit ihren 120 Hektar Land für 150 000 Euro gekauft haben. Am 15. September 2004. “Es war eine Versteigerung. Mein Onkel war mit dabei, um uns zu helfen, denn wir selbst sprechen kein Polnisch.” Der Ankauf war möglich dank des Passes der Mama, die ursprünglich aus der Nähe von Opole kommt, aber seit rund dreißig Jahren in Deutschland lebt. Und die Familie Brandes würde gern noch mehr Land erwerben: “Heutzutage braucht man um die 500 Hektar, um anständig leben zu können”, erklärt mir Frederik. “Aber in dieser Gegend hier ist es wirklich schwierig. Zuerst sind immer die Polen dran. Es gibt ziemlich viel Korruption.”

Die Brandes nehmen sich vor den Polen in Acht. “Sie haben keine Arbeit, aus diesem Grund bestehlen sie andere.” Und er zeigt mir ihren neuen Traktor, dessen rechter Rückspiegel verschwunden ist, genauso wie die Rücklichter… “Hier gibt es nur Banditen!” warnt mich der Papa von Frederik (56 Jahre). Seine zwei Töchter helfen ihm gerade dabei, das Gebäude zu sichern, in dem die landwirtschaftlichen Maschinen überwintern werden… Frederik fragt sich, warum die Polen so sind. “Vielleicht ist es der Kommunismus, die Leute haben nicht für sich gearbeitet, daher…” Ob sie Kontakt zu Polen hätten? Noch nicht. Nur zum Einkaufen. “Lebensmittel, Benzin, Zigaretten, das ist hier wirklich billiger.” Der ältere Bruder, der vorhat, sich hier niederzulassen, lernt schon Polnisch. Letzten Endes wird man sich eben doch integrieren müssen… sich selbst oder die Polen!



Jul
25
Einsortiert unter (Allgemein) von traduction.allemand am 25.07.2007

Katrin, die lokale Korrespondentin der Sächsischen Zeitung, hat mir von der Landwirtschaftlichen Produktionsgenossenschaft in Pustków erzählt. Nachdem ich die Berichterstattung der Presse (Sächsische Zeitung, Deutsche Welle) über Veloblog gesichert habe, verlasse ich mit Bedauern die Turmvilla (1, 2) in Richtung Pustków.

Gegen 20 Uhr 30 erreiche ich die sehr kleine Gemeinde. Ich lasse mir den Weg, der zur Genossenschaft führt, zeigen und entdecke Ruinen. Beeindruckend. Alle sind noch auf den Feldern, schwierig, ein Dach für die Nacht zu finden. Doch was soll’s, der Sonnenuntergang ist wunderschön und die Ruhe beherrscht die Umgebung: die ideale Gelegenheit, um mein Zelt einzuweihen (1, 2, 3).

Ich vertraue mich einem kleinen Weg am Ortsausgang an und zack, erste links hinter den Bäumen, packe ich meinen “Krempel” aus - wie manche sagen - und lasse mich am Rande eines abgeernteten Feldes neben einem Hochsitz nieder. Perfekt!

Am nächsten Tag erfahre ich, dass es sich um einen ehemaligen Friedhof handelt, zu den Zeiten, als die Gegend noch deutsch war… Und vor allem, dass der Ort sehr häufig von Wildschweinen besucht wird! Hoppla!…

Vielen Dank an “Studio 80″ für die Fotos und den Spaß!



Jul
24
Einsortiert unter (Allgemein) von traduction.allemand am 24.07.2007

Diesem komischen Wetterbericht zum Trotz fangen nun die Sommerferien für die deutschen und polnischen Schüler an, die jeden Dienstagabend in der Turmvilla die Sprache des anderen gelernt haben. Gut 15 Personen, davon die meisten aus Bad Muskau oder Łęknica, sind heute Abend hier zu ihrem letzten “Kurs”.

Ein Kurs wie kein anderer: Alle sitzen bereits am Tisch, als ich vom Tagebau in Nochten zurückkomme. Die Teilnehmer, fröhliche Gäste, feiern ihren Abgang in die Ferien! Die Stimmung ist ausgelassen: Man erhebt das Glas auf Christophs Wohl und singt. In Polen ist das Feiern von Namenstagen genauso wichtig wie von Geburtstagen. Ein kleiner Wodka und dann ein zweiter: Die Diskussionen gehen zügig voran, mal auf deutsch, mal auf polnisch. Pilzsuppe, Nudeln mit Sojageschmack oder Gurken aus der Region: Jeder hat etwas zum Schlemmen mitgebracht. Die polnischen Damen singen aus vollem Hals Lieder aus ihrem Land (1, 2). Man redet über Gott und die Welt, gute Stimmung liegt in der Luft.

Eine der beiden Zwillingsschwestern aus Łęknica erzählt mir von der Atmosphäre des Basars. Und sie spricht wirklich schnell! Ich weiß nicht, ob ich alles verstanden habe, aber es scheint, dass der Basar früher viel größer war, man mehr verdient hat und die Deutschen vor den Grenzposten Schlange standen, um in Polen einkaufen zu gehen. Micha, mein Tischnachbar, der aus Dresden gekommen ist, um hier seine Mutter zu treffen, die an dem Kurs teilnimmt, berichtet mir von Punkfestivals, die er in ganz Deutschland organisiert, und von Supermärkten, deren Waren er einsammelt, bevor sie weggeworfen werden, um sie weiter zu verteilen. Und seine Mutter Gabriele bombardiert mich mit Informationen, von denen eine interessanter ist als die andere: von einer Organisation deutscher und polnischer Firmenchefinnen im Muskauer Salon, von der 555-Jahr-Feier der Stadt Bad Muskau am kommenden 15. September, von der Entwicklung behindertengerechter Internetseiten.

Kurzum, ein sehr netter Abend, an dessen Ende eine Journalistin der Sächsischen Zeitung, die mit ihrem polnischen Freund zum Sprachkurs gekommen ist, mir vorschlägt, mich am nächsten Morgen noch einmal zu treffen, um einen Artikel zu schreiben.



Jul
24
Einsortiert unter (Allgemein) von traduction.allemand am 24.07.2007

Triste Mine? Glaubt ja nicht, dass der erstbeste Regenschauer, der mich unterwegs überrascht, mir die Laune verderben kann! Nein. Es handelt sich vielmehr um diese Straße am Ausgang von Weißwasser, südlich von Bad Muskau, diese Straße, die zu einer Sackgasse wird (1, 2) und zum “Aussichtspunkt” führt, von dem aus man das Kohlebergwerk im Tagebau von Nochten und die Schlote von Boxberg sehen kann, die lange Zeit das Symbol des größten Elektrizitätswerkes in Deutschland waren.

“Aus der Braunkohle kommt die Energie”, skandiert das Energieunternehmen Vattenfall. Und die Grube hält nicht nur Arbeit für die Menschen der Region bereit, sie bereitet auch Sorgen, wie das Verschlingen mehrerer Dörfer, um das bereits immense Loch noch mehr zu vergrößern. Mehr als 3300 Hektar.

Beim Betrachten des Ausmaßes dieses Dings treffe ich Wolfgang Martin, der gerade seinen Wohnwagen mit Restaurant nahe dem “Aussichtspunkt” repariert hat. Seine Frau wird bald ihr Restaurant, das sie in Mühlrose betreibt, schließen müssen, da Mühlrose eines der fünf Dörfer ist, die in dem großen Loch verschwinden werden. “Man muss nach Vorne schauen, an die Zukunft denken”, sagt mir Wolfgang. Und fügt hinzu, dass seine Frau das Restaurant im Informationszentrum wird betreiben können, das Vattenfall bald in der Nähe des “Aussichtspunktes” eröffnen möchte.

Wolfgang Martin ist der Chronist der Gegend, angestellt von der Gemeinde Trebendorf, einem anderen Dorf, das dabei ist zu verschwinden. “Alles begann 1994, als Sachsen entschieden hat, das Tagebaugebiet zu vergrößern”, erklärt mir Wolfgang. “Der Dialog des Landes mit den Gemeinden ist gescheitert, aber letzten Endes hat sich die Entscheidung des Bundeslandes durchgesetzt: Man müsse den Tagebau vergrößern.” Auf Kosten der Gemeinden, sowie der alten angrenzenden Wälder, die für ihre Biosphäre und ihre einige hundert Jahre alten Eichen bekannt sind und früher ein Naturschutzgebiet waren…

Wolfgang erinnert sich noch an die Stimmung, als Vattenfall zwischen 1999 und 2000 Kontakt zu den Gemeinden aufgenommen hatte, um über die Umsiedlung der Bewohner zu entscheiden. “Zu Beginn fühlten sich die Anwohner völlig überrascht. Später mussten sie sich damit abfinden.” Seit 2004 ist Wolfgang Mitglied des Gemeinderates in Trebendorf: “Vattenfall bietet denjenigen, die zustimmen, ihren Wohnort zu wechseln, Entschädigungssummen an. Die meisten versuchen das Beste daraus zu machen.” Was Wolfgang vor allem zu beunruhigen scheint, ist die Gefahr, dass sich eines Tages die Region entvölkert. Und vor allem: “Ein Teil von Schleife soll geräumt werden. Nun leben dort aber viele Sorben. Schleife ist das kulturelle Zentrum der Region.” Und er erklärt mir, dass sich die Sorben um 600 vor Christus in der Region niedergelassen haben und bis heute ihre eigene Sprache und Kultur aufrecht erhalten. “Falls sie umgesiedelt werden, besteht das Risiko, dass sie sich verstreuen und ihre Kultur nach und nach verloren geht.” Ein wenig nostalgisch zitiert er einen Leitspruch der Gegend: “Gott hat ein zu Hause für die Sorben erschaffen, und der Teufel ist ihm hier aus der Braunkohle entsprungen.”

Ein wenig weiter fängt mich ein Bergwerksarbeiter ab, der die Unterhaltung mitgehört hat, um mir zu sagen, dass auch er das dramatisch fände. Aber er könne nichts sagen, da es zuerst die Arbeit sei, die zähle. Und Vattenfall sei einer der Hauptarbeitgeber in der Region. “Außerdem verdient man gut.” Er fühlt sich ein wenig verlegen gegenüber den Bewohnern, die zur Umsiedlung gezwungen werden. Aber er fügt hinzu, dass es vielleicht besser sei, diesen Ort zu verlassen, da selbst er, der in einer Sozialwohnung im Süden von Weißwasser lebt, kurz vor der Straße, die zur Sackgasse wird, den Lärm der Bagger nicht mehr ertragen kann, Tag und Nacht.

Nächstes Jahr sollen die ersten Häuser bereits geräumt sein. Aber bevor es teilweise im großen Loch verschwindet, wird Trebendorf am kommenden 7. und 8. September sein 625-jähriges Bestehen feiern. Wolfgang wird dort sein und den Neugierigsten die ganze Geschichte der Region erzählen!



Jul
23
Einsortiert unter (Allgemein) von traduction.allemand am 23.07.2007

Alle haben mir vom Basar von Łęknica erzählt, der sich auf polnischer Seite befindet. Man kann ihn nur schwer umgehen: Ganze Busse kommen und entladen ihre deutschen Konsumenten, Familien kommen mit dem Zug, um hier das Wochenende zu verbringen. Alles nur zehn Minuten vom Muskauer Park entfernt. Unglaublich! Auch das ist die Grenze.

Man hat mir gesagt: “Pass auf deine Handtasche auf!”, man hat mir gesagt: “Verlauf dich nicht!”, man hat mir gesagt: “Lass dich nicht einwickeln!”. Ich habe weder meine Tasche verloren, noch mich verlaufen, noch mir irgendetwas gekauft. Allem Anschein nach ist der Basar am Montag Nachmittag ein anderer.

Es ist unmöglich, Äpfel und Tomaten stückweise zu kaufen: die Händler schenken mir ihre Waren lachend. Stellt sich die Frage, in welchen Mengen die Deutschen ihre Einkäufe machen… Endlich entschließe ich mich, eine “kiełbasa” zu essen. Es entwickelt sich ein Dialog mit den Polen, die den Stand betreiben. Wir reden polnisch, deutsch und Kauderwelsch. Kurz, diese Herrschaften erklären mir, dass der Montag nicht gut fürs Geschäft sei, sie machen im Durchschnitt 20 Euro. Im Gegensatz zum Sonntag, an dem sie mit ihrem Stand um die 120 Euro verdienen. Ja, der Basar ist groß, über tausend kleine Verkaufsstände… Aber früher war er noch größer, und man hat besser verdient. Trotzdem kommen immer noch viele her, um zu arbeiten, einige sind dafür sogar zwei Stunden unterwegs. Hart, hart…

Dann geht es um Frankreich, die Eleganz der Pariser usw. usw. Als Provinzlerin habe ich meinen Mund gehalten und ziehe meines Weges…



Jul
22
Einsortiert unter (Allgemein) von traduction.allemand am 22.07.2007

Christoph - der bis zum 30. Juli 17.00 Uhr seine Arbeit über deutsch-polnische Jugendbegegnungen fertig haben muss - hat mir angeboten, den Führer durch den benachbarten Park zu spielen. Allen zum Trotz, die ihm ständig raten, an seinem Schreibtisch zu bleiben…

Und er macht das wirklich gut: von Aussichtspunkt zu Aussichtspunkt zieht er mich auf meinem Rad hinter sich her, mich und meinen leicht lädierten Knöchel. Der Riesenberg, die größte örtliche Erhebung, versteckt sich weiterhin hinter den Wolken, aber in weiter Ferne erhebt sich das Schloss von Bad Muskau in seiner ganzen Herrlichkeit. Das ist die deutsche Seite des Muskauer Parks. Der immense Landschaftspark, der im 19. Jahrhundert im Auftrag von Fürst Hermann von Pückler erbaut wurde, erstreckt sich jedoch zu beiden Seiten der Neiße, also entlang der deutsch-polnischen Grenze (1, 2).

Gegen acht, kurz vor Schließung, überqueren wir diese. Christoph bemerkt nebenbei, dass die Öffnungszeiten nur auf deutscher Seite angeschrieben sind. Dann führt er mich weiter über die Terrassen des Parks Muzakowski, diesmal auf polnischer Seite. Man erkennt den Willen, eine Ideallandschaft zu erschaffen. Noch ein Stückchen weiter lädt eine gewaltige Steinbrücke zur Betrachtung ein. Eine Runde Verstecken wäre jetzt auch möglich… Aber mehr werde ich nicht sagen.

Auf dass jeder die seit 2004 beim UNESCO-Weltkulturerbe registrierten 560 Hektar selbst entdecke!



Jul
22
Einsortiert unter (Allgemein) von traduction.allemand am 22.07.2007

Ich könnte euch ewig von der Turmvilla erzählen! Ich bin hier eine, zwei, schließlich drei Nächte geblieben, indem ich jeden Morgen meine ‘Aufenthaltserlaubnis’ bei Anett verlängert habe. Man fühlt sich hier wohl, es fällt schwer, diesen Ort zu verlassen, das Team ist so nett..

Jeder in Bad Muskau kennt die Turmvilla. “Dort unten in der Nähe des Muskauer Parkes ist das Jugendzentrum”, sagt mir eine alte Frau auf dem Marktplatz der kleinen Grenzstadt. Das Jugendzentrum hat eine ungewöhnliche Geschichte, die 1990 kurz nach dem Fall der Mauer beginnt. Die Jugendlichen aus der Gegend trafen sich in der Orangerie des Schlosses: alles schien möglich, die Welt würde sich anders drehen! Bis man sie aufforderte, woanders hin zu gehen… Allem Anschein nach eine Tradition in der Gegend, mit Fürst Hermann von Pückler, der die Bauern vertrieb, um seinen heute so bewunderten Park zu errichten, oder Vattenfall, das Dörfer umsiedelt, um seine Kohlengruben zu vergrößern. Kurz, nach langen Verhandlungen erhielten die jungen Revolutionäre die Erlaubnis, die Turmvilla und die Villa Caroline zu besetzen, die damals leeren Wohnräume, die im 19. Jahrhundert zu den Bädern der Thermalkuren gehörten. Es wurde ein Pachtvertrag auf 99 Jahre geschlossen, der Befürworter und Gegner des Jugendzentrums miteinander aussöhnte. Alles wurde renoviert, und heute ist hier eine Pension mit familiärem Ambiente.

Aber das ist noch nicht alles: in den Büros hinter der Rezeption setzt sich eine kleine Gruppe für die deutsch-polnischen Beziehungen ein. Wer will, kann hier sich hier mit anderen Jugendlichen treffen , Multiplikatoren können sich weiterbilden usw. Natürlich alles mit Freude und in guter Stimmung!

Den Rest kann man im Goldenen Buch entdecken, das in dem Saal ausliegt, in dem mir jeden Morgen wunderbar mein Frühstück serviert wurde…



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